Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-02-01
- Page
- 164 (sequence 9)
- Language
- German
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164 Im deutscher: Reich. „Der Wunsch des Herrn Gymnasial-Direktors nach Einigkeit entspringt wohl nur seinem philosemitischen Standpunkte, den er ja seinerzeit bereits bei der Ritualmord-Umfrage bekundet hat." Mag auch von den konservativen Gegenkandidaturen der Herren Bruhn und Krösell keine besondere judensrenndliche Gesinnung zu erwarten sein,so haben die Juden doch allen Grund, zu wünschen, daß wenigstens Lenti: von den Parlamenten fern gehalten werden, die voraus sichtlich die Immunität des Volksvertreters dazu mißbrauchen würden, bei jeder Gelegenheit zu den Fenstern des Reichstagsgebäudes hinaus das zu schreien, was sie in einer öffentlichen Volksversammlung zu äußern sich hüten würden. Das gilt auch von den ungestümen Mandatsbewerbungen der anderen Antisemitenführer Paul Förster, Hans von Mosch, Ahlwardt, Zimmermann u. a.m. Der Centralverein deutscherSLaatsburger jüdischen Glaubens treibt keinerlei Parteipolitik; unter seinen zahlreichen Mitgliedern sind die verschiedensten politischen Richtungen vertreten, ohne daß dies ihre gemeinsame friedliche Arbeit zum Schuhe der bedrohten Gleichberechtigung der Juden irgendwie beeinträchtigt. Aber welcher politischen Partei sie auch angehören, haben doch die Juden die Pflicht, dort,-wo ein entschiedener Judenfeind kandidiert, einen Gegenkandidaten zu unterstützen, auch wenn dieser nicht ihr politischer Parteigenosse ist. Ihrer guten deutsch-nationalen Gesinnung brauchen sie dabei nicht untreu zu werden, denn wo die Stimmen der Juden ins Gewicht fallen können, werden die nichtantisemitischen Parteiführer sich gewiß hüten, judenfeindliche Kandidaten in Vorschlag zu bringen, sobald sie merken, daß für einen solchen um keinen Preis eine einzige jüdische Stimme zu haben ist. Dadurch leisten die deutschen Juden gleichzeitig dem gesamten deutschen Vaterlande einen Dienst, dessen Wohlfahrt und Frieden von keiner einzigen Seite schlimmer bedroht wird als von den verkappten Anarchisten der antisemitischen Partei. Die Schmach des Jahrhunderts möglichst von dem Reichstage fern zu halten, sollte die Pflicht jedes Deutschen sein; das Niveau der deutschen Volksvertretung sinkt, wo die Träger und Förderer dieser schmachvollen Bewegung das große Wort führen; es wird sich heben, wenn die kulturfeindlichen Redner fernbleiben, die berufsmäßig Religions- und Rassenhaß predigen und jenes „chauvinistische Maulheldentum" üben, dessen Verwerflichkeit der Reichskanzler so treffend gegeißelt hat! Die politischen Parteien, welche geglaubt haben, den Antisemitismus als Mittel zu benutzen, breite Volksmaffen zu sich herüberzuziehen, sollen bei den nächsten Wahlen die Ueberzeugung gewinnen, daß sie sich verrechnet haben. Der Zweck heiligt das Mittel nie, und das erwähnte Mittel war entschieden ein verfehltes. Durch die Auf-