Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-02-01
- Page
- 162 (sequence 7)
- Language
- German
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162 Im deutschen Reich. müßte. Insbesondere müsse dringend und bedauerlicherweise an der Hand von Tatsachen gemahnt werden, den Kamps nicht in solche Wahlkreise Zu tragen, die bisher bundesfreundlich vertreten waren, sondern in gegnerischen Wahlkreisen Tätigkeit zu entfalten. Wenn man aber dem Bunde in seinem Besitzstand in die Flanke falle, werde nur der Gegner hieraus Vorteil Ziehen." In der pommerscheu ProvinZialversammlung des Bundes, die kürzlich in Stettin abgehalten wurde, erklärt der agrarische Landtagsabgeordnete v. Brockhausen rund heraus, die Antisemiten dürften nur dort eigene Kandidaten aufstellen, wo Bündler und Konservative nicht in Frage kämen. Mit anderen Worten heißt das, der Bund erlaubt den Antisemiten, Oedland aufzubrechen, das Ernten aber besorgt er selber. In diesem Falle würden selbstverständlich die Antisemiten die Geprellten sein. Bisher standen die deutsch-sozialen Reformer, die im Bunde der Landwirte vereinigten Agrarier und die Tivoli - Konservativen der Kreuz-Zeitungs-Partei, teils durch materielle Interessen, teils durch den gemeinsamen Judenhaß verbunden, ziemlich fest zusammen und bildeten eine Phalanx, welche der Regierung einen gewissen Respekt einstößte. Auf die Dauer kann aber der öde Religions- und Rassenhaß nicht die Macht haben, so heterogene Elemente zusammenzuhalten. Ob bei den bevorstehenden Reichstagswahlen die Interessengemeinschaft dazu ausreichen wird, ist auch zweifelhaft, denn bei dem Hunger nach Mandaten, der sich jetzt schon bei ihnen kundgibt, kann es nicht ausbleiben, daß sie bei jedem fetten Bissen in blutigen Zwist geraten. Die radikalen Antisemiten haben den antisemitischen Konservativen so lange den Steigbügel gehalten, daß sie sich auch einmal selbst aufs hohe Pferd setzen möchten; mit diesen Ansprüchen kommen sie jedoch an vielen Stellen übel an. Es geht besonders dem Bunde der Landwirte wider den Strich, daß die ihm früher zum großen Teil von dem Abg. Liebermann von Sonnenberg zur Verfügung gestellten antisemitischen Knappen die zum großen Heerbann des Bundes unentbehrlichen kleinen Landwirte für sich zu gewinnen suchen und aufrührerisch machen. Die antisemitischen Sonderkandidaturen machen deshalb sowohl den Konservativen wie dem Bunde der Landwirte große Sorgen; von beiden Organisationen steht anscheinend noch gar nicht fest, wie sie sich schließlich den ihnen wenig willkommenen eifrigen Bewerbungen der Herren Wilhelm Bruhn, Ahlwardt, Pastor Krösell, Hans v. Mosch, Professor Paul Förster n. et. m. um Reichstagsmandate verhalten werden. Im Kreise Friedeberg-Arnswalde dürfte gegen den Berliner- Herausgeber der Staatsbürger-Zeitung Wilhelm Bruhn der in Göhren, also im Wahlkreise selbst ansässige Bauernhofbesitzer Schröder