Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-02-01
- Page
- 161 (sequence 6)
- Language
- German
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Umschau. 161 für die jüdischen Schneiderkönige arbeiten müssen. Ebenso steht es mit den Tischlern, den Tapezierern, den Posamentierern, die immer mehr und wehr zurückgehen. Der Wiener Mittelstand ist so ziemlich vernichtet, und stolz erheben sich die Judengeschäste aus den Trümmern des arischen Wohlstandes." Danach hätte der Befähigungsnachweis dem österreichischen Mittelstand nicht den geringsten Nutzen gebracht und Gras Posadowskv sich auf die wenigstens für die Radau-Antisemiten unanfechtbare Autorität des Grasen Pückler berufen können — wenn er sonst Lust dazu gehabt hätte. Für die Leiter des Bundes der Landwirte sind die Aeußerungen des Landwirtschastsministers vonPodbielski mindestens ebenso empfindlich wie die des Staatssekretärs Graf Posadowskp für die Antisemiten strengster Observanz. Abgeordneter Diedrich Hahn machte seinem Aerger über den Zwischenfall im Abgeordnetenhause durch die Worte Luft: „Ein Tisch, an dem der Minister und der Bund der Landwirte gesessen habew existiert schon seit vielen Jahren nicht mehr." Das stimmt aber nicht; „vor Tische sprach man anders"; die preußischen Landwirte werden jedoch kaum länger gewillt sein, dem „Bund der Landwirte" weiter Heeressolge zu Leisten, wenn sie sich davon überzeugen, daß das Agrariertum nicht mehr in der Lage ist, sich in der Gnadensonne der leitenden Kreise zu wärmen. Bei der letzten Heerschau im Cirküs Busch haben sie zwar einstimmig der Opposition gegen den Zolltarif zugejubelt, aber dieser Erfolg des Bundes der Landwirte dürfte sich als Pyrrhus - Sieg erweisen, da die gouvernementalen Konservativen nach den drohenden Redensarten der Bundesführer nicht mehr mitmachen können und wollen. Selbst der antisemitische Agrarier Liebermann hütete sich neulich vor oppositionellen Redensarten und begnügte sich, die „leider abwesenden Damen der Landwirte" dreimal anzuheilen! Schon verlassen die „geschäftsantisemitischen" Ratten das Schiff der Agrarier. Die deutsch-sociale Reformpartei für Ostdeutschland hat am 8. Februar auf dem Friedeberger Parteitage eine Resolution angenommen, wonach „der Parteitag anerkennt, daß das im Reichstage zur Annahme gelangte Zolltarisgesetz geeignet ist, der Landwirtschaft wesentliche Vorteile zu sichern, und giebt der Erwartung Ausdruck, daß die auf Grund dieses Tarifs abzuschließenden Handelsverträge die berechtigten Forderungen der Landwirtschaft berücksichtigen werden." Das ist aber der vollständige Bruch mit dem Bunde der Landwirte, dessen Organ, die „DeutscheTageszeitung^, deshalb jammert, „daß leider unter der Flagge des Antisemitismus Elemente und. Richtungen sich befänden, die der Bund der Landwirte als Gegner betrachten