Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-02-01
- Page
- 160 (sequence 5)
- Language
- German
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160 Im deutschen Reich. regeln, namentlich auf dem Gebiete der Gewerbepolizei, beweist, daß wir gewillt sind, den Mittelstand zu fördern mit den Mitteln, die der moderne Staat überhaupt bieten kann. Aber wir können nicht einen Mittelstand künstlich erhalten mit gesetzlichen Mitteln, die heute mit den Grundsätzen des modernen Staates vollkommen unvereinbar sind. Wir können nicht beleben, was nicht mehr zu beleben ist. Wir können keinen allgemeinen Befähigungsnachweis einführen, der mit der Gestaltung des allgemeinen Erwerbslebens unvereinbar ist." Damit ist der antisemitischen Clique, welche den Mittelstand durch die Hoffnung auf Wiederbelebung des mittelalterlichen Zunftwesens seit Jahren köderte, der Fehdehandschuh hingeworfen. Besonders schmerzt es sie, daß Graf Posadowsky bei der Bekämpfung des Befähigungsnachweises unumwunden erklärte, in Oesterreich seien die Fürsprecher dieses Nachweises durch die Tatsachen ad absurdum geführt worden. Die „Staatsbürger-Zeitung" produzierte schleunigst einen Artikel aus Oesterreich, in dem schlank behauptet wird, der Befähigungsnachweis habe dort die segensreiche Wirkung gehabt, die Juden aus den eigentlichen Handwerken vollständig auszuschließen, Warenhäuser im Stile Wertheim und Tietz unmöglich zu machen und das österreichische Handwerk zu beleben. Dabei zeigte es sich wiederum in eklatanter Weise, wie gering das Antisemitenblatt die Urteilsfähigkeit und die Gedächtniskraft seiner Leser veranschlagt. Hat es doch erst vor wenigen Wochen die von dem Grafen Pückler in den Konkordia-Sälen am 7. Januar gehaltene Rede über „die Juden in Oesterreich" verherrlicht und verbreitet, in der genau das Gegenteil ihres jetzigen Berichts aus Oesterreich behauptet wurde. Der fast immer am Gängelbande Bruhns in der Oeffentlichkeit erscheinende Gras Pückler sagte über die jetzigen Zustände in Wien wörtlich: „Unsere verehrten Freunde und Bundesgenossen an der Donau haben uns in diesem Punkte weit überflügelt und machen erschreckende Fortschritte in der allgemeinen trostlosen und schmachvollen Verjudung. Bon allen Häusern Wiens sind 40 pCt. in den Händen von Juden, ja ganze Siraßen, wie zum Beispiel die Ringstraße, gehören fast ausschließlich diesem fremden Gesindel. Ueberall sieht man jüdische Ramschbazare, Kleidermagazine, Schuhwarengeschäfte usw. in großer Anzahl. In früheren Zeiten gab es in Wien 4000 selbstständige Schneidermeister, heutzutage gibt es deren nur noch 300; dafür ist die Zahl der jüdischen Schnapsbuden auf 2000 gestiegen. Die selbständigen Schneidermeister sind herabgesunken zu Fabrikarbeitern, die für wahre Hungerlöhne