Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-02-01
- Page
- 159 (sequence 4)
- Language
- German
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Umschau. 159 Groschen hingeben, mit denen sich einige catili-narische Existenzen weiter helfen. Wir Juden hatten allen Grund zu wünschen, daß wenigstens zunächst die Regierungskreise darüber klar würden, wie dieselben Leute, welche unsere durch Verfassung und Gesetz verbriefte Gleichberechtigung rückgängig zu machen streben, und damit der Regierung und dem Volk einen schändlichen Wortbruch ohne Gleichen anstnnen, auch andere Grundpfeiler der öffentlichen Ordnung nur deshalb unterwühlen, um bei der dadurch entstehenden allgemeinen Verwirrung im Trüben Zu fischen. Es gewinnt fetzt den Anschein, als ob endlich der Augenblick der Klärung der Verhältnisse nahe sei. Nachdem im deutschen Reichstage der Reichskanzler Graf Bülow den antisemitischen „Maulhelden, aufgeblasenen Renommisten und Phrasendrescher" die Larve vom Gesicht gezogen hatte, erklärte in einer späteren Sitzung der Antisemitensührer Liebermaun von Sonnenberg, der Kanzler habe ihn in der Etatsberatung schlecht behandelt; er sei kein Chauvinist, und als Maulhelden könne man nur diejenigen bezeichnen, welche Macht und Pflicht Zu Taten hätten, es aber bei Worten bewenden ließen. Mit dem ihm eigenen höflichen Sarkasmus entgegnen der Kanzler, er wolle auf diese Bemerkung Liebermanns ebensowenig eingehen wie sonst auf seine Rede ..xro domo suoi:. In etwas brüskerer Weise hat im preußischen Abgeordnetenhause der Landwirtschaftsminister von Podbielski die antisemitischen Agrarier abgesertigt und bewiesen, daß er sich ebensowenig mit der weißen Weste des jndenfeindlichen Redakteurs der „Deutschen Tageszeitung" als „mit dem Lausekanal vor den Bauch stoßen lasse!" Nachdem ihm der zum Wortführer der Agrarier avanzierte ehemalige Leipziger Gymnasiallehrer Dr. Oertel eine Vorlesung über „nationale Politik im echten Bismarckjchen Stile" gehalten, sagte der Minister v. Podbielski: „Ich habe unausgesetzt für die Landwirtschaft gekämpft, aber mit dieser Rede ist das Tischtuch absolut mit mir zerschnitten. M. £>., mit dem Bund der Landwirte, der sich so vergessen kann, daß er solche Worte seinen Vertretern in den Mund legt, ist keines Rechtens von meiner Seite mehr." Daß diese Aeußerung keine bloße Folge einer augenblicklichen Aufwallung war, sondern unter dem Eindruck der Erwartung eines völligen Situaüonswechsels erfolgte, beweist auch eine andere Aeußerung, welche Graf Posadowsky auf eine Anzapfung des Abg. Or. Oertel im Reichstage getan hall Als der genannte Abgeordnete dort das alte Steckenpferd der antisemitischen „Rettung des Mittelstandes durch mittelalterliche Maßnahmen" ritt, erwiderte der Staatssekretär des Innern: „Eine große Reihe von großen Maß-