Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-02-01
- Page
- 158 (sequence 3)
- Language
- German
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158 Im deutschen Reich. machende großsprecherische Wesen geradezu stigmatisiert; denn was dort als nationale Gesinnung, als Vaterlandsliebe ausgegeben wird, ist unwahr und „undeutsch": es ist der dem napoleonischen Franzosentum abgelauschte „Chauvinismus." Ob der religiöse Fanatismus, der dort durch alle möglichen Verleumdungen einer harmlosen Bevölkerungsminderheit und durch falsche Darstellungen ihrer religiösen Vorschriften und Gebräuche den Massen systematisch eingeimpft wird, „christlich" ist, lassen wir dahingestellt. Menschlich gerecht und.sittlich wahr ist er sicher nicht. Traurig ist es aber, daß sich deutsche Männer seit einem Vierteljahrhundert von Leuten nasführen lassen, welche nichts anders sind, als das, was Gras Bülow einem ihrer Führer zu dessen größter Beschämung in foro ins Gesicht gesagt hat: „Renommisten, Großsprecher, Maulhelden!" Das sind sie wahrlich nicht nur, wenn sie sich auf das Gebiet der auswärtigen Politik wagen, sondern auch und vielleicht am meiste" sie ihren Einfluß aus die innere Politik, aus die Rechtspflege und die Verwaltung geltend zu machen suchen. Das aber ist ihnen durch „Grobheit und Krahbürstigkeit" deshalb nur zu oft gelungen, weil in gewissen Beamten-Kategorien der Gedanke, möglicherweise gar für einen „Judenknecht" gehalten oder ausgeschrieen zu werden, etwas Abschreckendes hat. Dre Gänsehaut, welche die Antisemiten bei manchem würdigen Mann dann wahrnehmen, wenn sie ihn mit den Redensarten von „semitischem Einfluß", „jüdischem Mammonismus" u. dergl. m° kommen, ist wesentlich daran schuld, daß die judenfeindlichen Politiker eine merkwürdige Mißachtung vor Gesetz und Ordnung, vor behördlichen Anordnungen und Mahnungen sich offenbar zur Pflicht machen, daß sie selbst Urteile höchster Gerichtshöfe einer Kritik unterwerfen, die gelinde gesagt, nichts weniger als höflich erscheint. Daß sie sich sogar nicht scheuen, bei Aeußerungen von allerhöchster Stelle nach einer Reihe von byzantinischen Kratzfüßen die bittersten Malicen über „Engländerei" u. s. w. vorzubringen, regelmäßig auch die heuchlerische Redensart zu gebrauchen, daß sie nur von dem „schlechtunterrichteten Fürsten an den besserunterrichteten" appellieren, ist eine offenkundige Tatsache. So treiben sie es seit Zähren, ohne daß man an maßgebender Stelle über die Gefährlichkeit dieses Treibens klar zu sein schien. Ebensowenig hatten die mißleiteten Massen eine Ahnung davon, daß nach jeder öffentlichen Phrasendrescherei die bejubelten Renommisten hinter der Bühne vergnügt ihre Silberlinge zählen und, wie es ehemals in Rom die Auguren und Haruspexe getan haben, die harmlosen Menschen verhöhnen, die ihnen Glauben schenken und für falsche Weisheit ihre ehrlich und sauer verdienten