Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-02-01
- Page
- 157 (sequence 2)
- Language
- German
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Umschau. 157 gelegenheiten das rechte Zeug habe. Die zu diesem Zwecke „zum Fenster hinaus" gehaltenen langen Reden Liebermanns, in dessen Brust der Mut seine Spannkraft vielleicht deshalb übt, weil einst ein „Herzog" seine Ehrenscheine einlöste, mußten die Vertreter der Reichsregierung schließlich ermüden. Wenn Leute, die sich in jeder von ihnen veranstalteten Volksversammlung als die wahren und einzigen Stützen von Thron und Altar ausgeben, von maßgebender Stelle unwiderlegt, den Räten der Krone eine schwächliche auswärtige Politik vorwerfen und ihnen öffentlich zur Last ' legen, das von Bismarck Erreichte mattherzig preisgegeben zu haben, dann muß schließlich die Autorität der Regierung darunter empfindlich leiden und der Anarchie Vorschub geleistet werden. Es war deshalb hohe Zeit, daß der Geduldsfaden des Reichskanzlers riß, und daß er dem „Achaier", der in der Art des Thersites die Könige schalt, einmal mit dem Stabe des Odysseus auf die Finger klopfte. GrafiBülow sagte wörtlich u. a.r „Unter den „Achivi", von denen ich gestern sprach, steht der Abgeordnete Liebermann v. Sonnenberg unzweifelhaft in allererster Linie. Wenn Herr Liebermann v. Sonnenberg gesagt hat, daß in der größten Zeit unserer Geschichte — und damit kann er nur die Zeit gemeint haben, wo Fürst Bismarck die Schicksale des deutschen Volkes lenkte — nie ein Gegensatz bestanden hätte Zwischen Verstandes- und Gefühlspolitik, so ist dies vollständig unzutreffend. Bis 1866 hat Fürst Bismarck z. B. zu kämpfen gehabt mit den Gefühlen der großen Mehrheit des deutschen Volkes. Wir brauchen niemanden nachzulaufen, aber jeder Kaufmann wird Ihnen sagen können, daß Geschäfte nicht notwendig mit schlechter Manier geführt zu werden brauchen. Grobheit ist noch nicht Würde, und Kratzbürstigkeit ist nicht Festigkeit. Ein ewiges Greinen und Schelten und Schimpfen über das Ausland, wie ich es hier und da — glücklicher Weise nur noch selten — in deutschen Blättern sehe, ist noch kein Beweis von richtigem Nationalbewußtsein. Chauvinismus und Vaterlandsliebe sind nicht identische Begriffe. Wenn die Kunst eines auswärtigen Ministers lediglich darin bestände, von Zeit zu Zeit mit der Faust aus deu Tisch zu schlagen, dann könnte mancher Minister des Aeußeren sein. Wir werden nirgendwo das Aschenbrödel spielen, aber den Renommisten und Großsprecher wollen wir auch nicht spielen, sondern den ruhigen und festen Mann, der, wie es immer gute deutsche Art gewesen ist, ohne Schwäche, aber auch ohne Provokation und ohne „Maulheldentum", sich und die Seinigen schützt." Damit war das in den antisemitischenVolksversammlungeu sich breit