Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1903)
- Article
- Die kaufmännische Ehre bei den Juden
- Date
- 1903-02-01
- Page
- 142 (sequence 14)
- Language
- German
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142 Fm deutschen Reich. So hat man mit den heiligsten Gütern des deutschen Volkes Wucher und Schacher getrieben. Wir können es wohl begreifen, mit welcher Entrüstung ein Luther, ein Hans Sachs, ein Gailer von Kaisersberg über das schändliche Treiben ihrer Volks- und Religionsgenossen, der damaligen christlich-germanischen Kaufleute, losziehen. Und da wollen wir Juden schweigen, da sollen wir dulden, daß man das Andenken unserer Väter, daß man die Ehre des jüdischen Kaufmannes schändet? Wir stehen nun vor der wichtigen Frage: Was wurde denn aus den Juden, welche aus den Städten aufs Land getrieben waren? Mußten sie nicht samt und sonders zu Bettlern, ja zu Verbrechern werden? Nein, und das ist ein goldenes Blatt in der Geschichte Israels, hier zeigt sich die unverwüstliche moralische Kraft des Juden. Wenn jener größte Feldherr unserer Tage Recht hatte, als er sagte: ein Heer bewährt sich nicht so sehr im Sieg, als auf dem Rückzug, dann gebührt diesen Streitern Gottes hundertfacher Lorbeer. Die Juden wurden damals das, was sie vielfach bis heut in Ehren geblieben sind. Es entstand die Figur des jüdischen Hausierers. Und diesem jüdischen Hausierer hat kein Geringerer ein unvergängliches Denkmal gesetzt, als Gustav Freytag. Er schildert die Verwilderung Deutschlands nach dem 30jährigen Kriege. Handel und Wandel stocken. Ueberall fehlt es an dem nötigsten, am Gelde. Da erscheinen als die Retter in der Not wiederum die Juden, und zwar jene verachteten von Dorf zu Dorf gehetzten Schacherjuden; die haben, wie die Ameisen ihre Gange durch die Erde bohren, durch dieses Chaos unsichtbar und geräuschlos vom äußersten Osten von Rußland über Brody und Breslau nach dem Westen und Norden ihre Fäden gezogen, die sich allmählich wieder Zum Netz haben ausspinnen lassen. Ja, der Schacher, der Handel mit alten gebrauchten Sachen, zu dem der Jude nun verurteilt war, die Kunst, aus alten Sachen neue wieder herzustellen, dieser Schacher, sagt Kiefstlbach („Der Gang des Welthandels u. s. w.", Stuttgart 1860), ist vorbildlich geworden für die große Kulturmission Israels, die Stoffe absterbender Gebilde zu neuen Organisationen umzugestalten. Und aus diesen kleinen Finanzgenies, ans diesen Hausierern, die das Leben wirklich und meisterhaft zu einer Kunst ausbilden, die aus Saatkörnern, die andere achtlos in den Staub getreten, blühenden Weizen zu ernten wissen, aus ihnen werden die großen „Finanzer", die Hofjuden des 18. Jahrhunderts. Und wie diese jüdischen Reichen die Pflichten des Reichtums verstanden, welche Wohltätigkeit sie bis heute entfalten, 'bis