Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1903)
- Article
- Die kaufmännische Ehre bei den Juden
- Date
- 1903-02-01
- Page
- 140 (sequence 12)
- Language
- German
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140 Im deutschen Reich. Wer war es denn aber, der unter solchen Umständen das Geldgeschäft der Juden zur Anklage wider sie schmiedete? Auch darüber sind wir unterrichtet. Die höchsten geistlichen und weltlichen Herren haben jüdischen Händen ihre Geldgeschäfte anvertraut. Seitdem der Papst Alexander III. damit begonnen, hat sich diese Tradition im Vatikan bekanntlich bis heute erhalten. Ein Jude, Jakob Daniels, leitet im 14. Jahrhundert im Aufträge des Erzbischofs von Trier, eines der tüchtigsten Fürsten im Mittelalter, die ganze Finanzwirtschaft des Mosellandes. Bei Gründung der Krakauer Universität läßt König Kasimir sogleich Juden sich anstedelN, um die Studenten vor Wuchererhänden zu bewahren. Ein Herzog von Schlesien macht einen Juden sogar zum Verwalter seines Haushaltes und seiner Küche, gewiß ein Zeichen seltenen Vertrauens. Allein dieses Bild har auch seine Kehrseite. In dem schönen Wien finden wir auch, wie anderswo, Juden als Geldleiher. Besonders war es ein Jude David Steuß, der mit einem Konsortium den „Wiener Weltmarkt", wie man damals sagte, beherrschte. Ihm verfallen, rechtmäßig natürlich, als Pfänder die Feste Rabenstein, die Feste Schaumburg und andere Liegenschaften des verschuldeten Adels. Das machte böses Blut. Neben dem Adel war es die hohe Geistlichkeit, die durch leichtfertige Wirtschaft tief in die Schuld der Juden geriet, und man griff zu dem radikalsten Mittel der Schuldentilgung, indem man die Gläubiger mundtot machte. Was haben nun aber die Juden bei diesem traurigen Handel verdient? Das Märchen vom jüdischen Reichtum ist damals aufgekommen. Der Pöbel sah die silbernen und goldenen Pfänder im Hause der Juden und braute sich daraus jenes Märchen zurecht. In Wahrheit hören wir, daß Silberschmuck in jüdischem Besitz so selten war, daß man silberne Schüsseln „christliche Schüsseln" nannte, und daß man in einem solchen mit fremdem Schmuck ausstaffierten Haus vor Armut oft die Chanukkalichtcheu in Eierschalen anzünden mußte. Aber nichts ist so bezeichnend, wie das Judenprivilegium Ottokars von Böhmen, worin es heißt: man müsse den Juden einen höheren Zinsfuß gewähren; denn nach Abzug der Steuern und Abgaben, die sie zu zahlen hätten, bliebe ihnen ja sonst nichts, wovon sie das nackte Leben fristen könnten. Und welche Kulturarbeit haben die Juden auch in dieser düsteren Zeit geleistet! Leopold der Glorreiche von Oesterreich hat mit jüdischem Gelde, hauptsächlich dem Gelde Wiener Juden, die Straße über den Semmering gebaut, die Venedig mit dem deutschen Norden, die Levante mit der Nordsee verband. Und ein Forscher wie