Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. 118

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Article
War Luther Antisemit? [Rezension]
Date
1903-01-01
Page
118 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2316602-2316701-2316703-2330796--10639-2330958
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

118 Im deutschen Reich. sich nicht allein aus persönlicher Gereiztheit oder nationaler Einseitigkeit; als eine tiefliegende mächtig wirkende Ursache kann man wohl die Nichtübereinstimmung in der Bibelerklärung aufsafsen. Die Nichtannahme seiner Erklärung erschien ihm ebenso pflichtwidrig wie die Verletzung seines Palladiums. Wer das eine oder das andere tut, gilt ihm in gleicher Weise als Todfeind. Daß die Juden die Bibel besaßen und trotzdem in seinem Sinne wenigstens nicht an sie glaubten, dies bereitete in seinen Augen den Juden mehr Verderben als ihre angeblichen „Schalkheiten und Bübereien". Es ist anerkennenswert, daß Herr Pastor Dr. Hartwig vorurteilsfrei genug ist, bezüglich der Aeußerungen Luthers über angeblich von Juden an den Christen begangene Verbrechen zu erklären, daß sich Luther augenscheinlich in seinem späteren Leben von dem mittelalterlichen Volksaberglauben habe stark beeinflussen lassen; dies gelte auch von seiner Ansicht über die Judenärzte. Hartwig stellt sich in Bezug auf den Blutaberglauben vollständig auf den Standpunkt des Professors vr. H. L. Strack und drückt seine Verwunderung darüber aus, daß es trotz der Erklärungen der ersten christlichen Autoritäten auf dem Gebiete der Talmudkunde (von Wagenseil bis Delitzsch) bisher noch nicht gelungen sei, die auch von Strack bekämpften Blutbeschuldizungen gegen die Juden auszurotten. Der Verfasser erinnert daran, wie Strack im Mai 1892 gegen den von Antisemiten verbreiteten Talmud-Auszug Stellung genommen und die darin ausgestellte Behauptung, daß die Juden zu gottesdienstlichen Zwecken Nichtjuden ermorden dürfen, öffentlich eine „böse Unwahihaftigkeit" genannt habe. Strack habe auch zur Steuer der Wahrheit und Beruhigung der Bevölkerung in einer Eingabe an den Staatsanwalt die Forderung aufgestellt, die Verfasser des Flugblattes zu zwingen, ihre Beschuldigungen vor Gericht zu erweisen oder zurückzunehmen. Der Verfasser beklagt es, daß Strack mit seiner Anklage in allen Instanzen abgewiesen worden sei, und bemerkt nun weiter: „Nehmen wir noch hinzu, worauf auch Strack gelegentlich hiuweist, daß ähnliche Beschuldigungen von den Heiden gegen die Christen nicht nur der ersten Jahrhunderte, sondern selbst noch des 19. Jahrhunderts erhoben worden sind, so tritt nun erst recht die Ungerechtigkeit dieses Vorwurfes von seiten der Christen gegen die Juden vor Augen. Wer kennt nicht die furchtbaren Anklagen der - alten Heiden gegen die ersten Christen? Nun hat vr. Karl Schmidt in Hagenow nachgewiesen, daß jene Thyesteischen Mahlzeiten und Oedipodische Unzucht tatsächlich in den von Heiden für Christen gehaltenen Sekten der libertinistischen Gnostiker und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.