Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- War Luther Antisemit? [Rezension]
- Date
- 1903-01-01
- Page
- 117 (sequence 1)
- Language
- German
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Bücherschau. 117 Mcher schau. War Luther Antisemit? Nebst zwei notwendigen Vorfragen beantwortet von vr. Hartwig, Pastor in Borna. Leipzig 1902. In der ersten Vorfrage bespricht der Verfasser die Stellung der Juden während des Mittelalters in politischer, rechtlicher und gesellschaftlicher Beziehung, in der zweiten die verschiedenen Richtungen des neuzeitlichen Antisemitismus, sowie Wesen und Ziele der an der Spitze dieser judenfeindlichen Bewegung stehenden Männer. Nach diesen Erörterungen kommt der Verfasser zur Beantwortung der Hauptfrage, um diesezu besahen, und um nachzuweisen, wie Luther, der anfangs unter dem Einfluß seiner Begeisterung für das Alte Testament die Juden mit Wärme verteidigte, dazu gelangte, dieselben in seinen späteren Schriften heftig zu befehden. Der Verfasser bezeichnet selbst den Widerspruch, in den sich Luther später mit seiner Bibelauslegung bezüglich der Juden zu seinen früheren Aussprüchen über sie gesetzt hat, als höchst auffallend. Er stimmt der „Evangelischen Kirchenzeitung" bei, welche in ihrem Jahrgang 1857 den Grund dieser gänzlich veränderten Stellung Luthers nicht nur darin suchte, daß er seine frühere warme Liebe zu den Juden von ihnen völlig verschmäht glaubte, sondern auch in der damals herrschenden allegorisierenden Auslegung der Heiligen Schrift, vermöge deren er manches willkürlich in sie hineintrug. Damit stimmt übrigens auch Professor Dr. Ludwig Geiger überein, der in einem Herrn Pastor Dr. Hartwig offenbar nicht bekannten Artikel „Die Juden und die deutsche Literatur" (Ztschft. s. d. Gesch. d. Juden in Deutschland 1888 Band II S. 327) sagt: „Es ist für den Menschenfreund und für den Psychologen betrübend, wie Luther, ein Mann, dem Deutschland außer dem geistigen Gut seiner Sprache einen großen Teil seiner Geistesfreiheit verdankt, so barbarische Maßregeln verschreiben, so dunklen Anschauungen huldigen konnte, wie er, der mit der Fackel der Kritik die wirrsten Gebiete beleuchtete, so kritiklos oft widerlegte Märchen vorzubringen vermochte. Die maßlosen Ausdrücke gegen die Juden überraschen bei ihm nicht sehr: sie finden ihre Analogie in seinen gleich maßlosen Reden wider die Bauern, wider entschiedene persönliche Gegner, wider Papsttum und Päpste; die feindseligen Gesinnungen aber erklären