Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-01-01
- Page
- 77 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2316602-2316701-2316703--10536-2330917- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. 77 Graf Pückter sich nicht ernstlich um ein Mandat bewirbt, ist eigentlich zu bedauern, da er der Fraktion Ahlwardt entschieden zur Zierde gereuten würde! Die Schimpfereien Ablwardts sind freilich von dem ehemaligen Arntsvorsteber von Klein-Tschirne derart übertrumpft worden, daß ne an Zugkraft wesentlich verloren haben. Seine Gastvorstellungen in Hagen und Dortmund waren sehr schwach besucht; seine dabei mehrfach wiederholte Behauptung, die Bankkrisen im Königreich Sachsen seien durch die Juden herbeigeführt worden, welche den christlichen Geldinstituten den Kredit verkümmert hätten, erregten nur mitleidiges Lächeln. In Ahlwärdts bisherigem Wahlkreisezieht indessen Herr Wilhelm Bruhn von Dorf zu Dorf und macht die Landleute durch seine Schilderungen der „Judengefahr" gruseln. Daß der Wahlkreis Arnswalde-Friedeberg von Ahlwardt aus den Bruhn kommen sollte, ist trotzdem nicht recht glaublich. Das Sprichwort: „Bange machen gilt nicht", scheint bei den radikalen Antisemren in Mißkredit gekommen zu sein, da auch der mutige Gras PüEler, der an Gerichtsstelle stets versichert, nicht ernstlich, sondern „nur bildlich" zu Gewalttätigkeiten aufgesord-rt zu haben, am 18. Dezember in der Brauerei Friedrichshain auch Gespenster sah und öffentlich das Berschen variierte: „Land, du bist dem Tode nah; sieh' dich um, Germania!" Daß er dem Publikum wirklich durch seine Warnungen vor dem angeblichen Kinderschlächter, dem „roten Manasse", dem „scheußlichen Isaak", dem „schwarzen Abraham", dem „grünköpfigen Ephraim" u. s. w. Angst eingejagt hat, glauben wir kaum! Daß der offenbar sarbenblmde Graf die zahlreichen Juden, welche sonst das gemütlichste Stammpublikum der Brauerei Friedrichsbain bilden, durch seine Schwarzseberei aus ihrem Lieblingsaufenthalt für immer verscheucht hat, scheint uns auch zweifelhaft. Daß der Wunsch Pücklers: „Fort mit den Juden von der deutschen Bühne!" Herrn Bruhn nicht veranlassen wird, auf die Inserate des Herrnield-Theaters zu verzichten und künftig seine Freunde Vor dem Besuche des Musentempels der ehemaligen „Billa Colonna" zu warnen, wissen wir; er hat vielmehr inzwischen diesen Genossen die Sylvesterfeier des galizisch-jüdischen Jargontheaters warm empfohlen! Aber das Publikum der Pückler-Beriammlungen ist nicht kritisch veranlagt; es frohlockt, wenn Graf Pückler „Deutschland als dem Tode nahe" bezeichnet, weil unter hundert christlichen Deutschen ein einzelner jüdischer Deutscher sein Leb u fristet; es jubelt, wenn er dieselbe Rede widerspruchsvoll mit den Worten schließt: „Wir fürchten nichts auf der Welt, vor allem nicht den Juden"; es jauchzt, wenn dann dem „wackeren Streiter für Deutschlands Ehre" ein Lorbeerkranz