Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-01-01
- Page
- 76 (sequence 7)
- Language
- German
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76 Im deutschen Reich. aus, und Herr PolizeiraL von Löbell behauptete im Schlußworte schlankweg, daß die Verrohung des Tones im Parlament lediglich auf das Wachstum und den dominierenden Einfluß des jüdischen Elements zurückzuführen sei." Die „Verrohung des Tones" im Deutschen Reichstage ist deshalb besonders beklagenswert, weil dadurch das deutsche Parlament auf das Niveau jener österreichischen Volksvertretungen herabgedrückt werden könnte, in welchen nur die Antisemiten den Ton angeben, oder jener sicher von Juden nicht beeinflußten deutschen „vornehmen" Agrarier, welche widerwillige Minister mit der Einladung Götz von Berlichingens bedachten. Wahrend der Zolltarif-Debatten im deutschen Reichstage war von der Verrohung des Tones nur dann etwas zu spüren, wenn einzelne antisemitische Abgeordnete zeitweilig vergaßen, daß sie sich nicht in einer Pückler-Versammlung befanden, und Witze rissen, welche zwar nicht in der Reichshauptstadt, aber doch in Hinterpommern ein dankbares Publikum gefunden haben. Der antisemitische „Bütower Anzeiger" registrierte z. B. mit Befriedigung folgende Probe des konservativen „geistreichen" Humors: „Paul, der Gewaltige, der Mäntel-Jude und „Arbeiterfraind" hatte eben gesprochen, da erscholl es mit klarer Stimme aus einer Ecke: >„Dem Singer seine Säbelbeine — Sind krummer als dem Bebel seine!" War's auch nicht parlamentarisch, — schön war's doch!" Wie manche Anhänger der antisemitischen Parlamentarier, welche heftig gegen die angeblich auf den „Einfluß des jüdischen Elements" zurückzusührende Verrohung eifern, zur Veredlung des Tones beitragen, beweist nachstehende Mittheilung der „Deutsch-Sozialen Blätter": „Eine Schachtel voll Zwiebeln für den Herrn Abgeordneten Singer ging am Mittwoch vergangener Woche dem Abgeordneten v. Liebermann per Post aus Essen an der Ruhr zu. In einem Begleitschreiben war die Bitte ausgesprochen, Herr von Liebermann möge seinem Kollegen Singer diese Herzstärkung von der Tribüne des Reichstages überreichen. Wir find beauftragt, hier zu erklären, daß Abgeordneter v. Liebermann die Ehre, den Mittelsmann in dieser Angelegenheit zu wachen, dankend ablehnt und derartigen billigen Judenwitzen überhaupt keinen Geschmack abgewinnen kann." Auch für die gewählte Ausdrucksweise des „vornehmen Aristokraten", des frommen Grafen Pückler, der für den Fall feiner Wahl zum Reichstagsabgeordneten die Absicht kundgab, „den Parlamentsrüpeln mit einem Eichenstamm den Standpunkt derart klar zu machen, daß sie sofort die Fresse hielten", dürfte der „dominierende Einfluß des jüdischen Elements" kaum verantwortlich zu machen sein. Daß