Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-01-01
- Page
- 75 (sequence 6)
- Language
- German
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Umschau 75 übrig, der, wie wir uns erinnern in Zeitungen gelesen zu haben, sich als Anhänger der Regierungsvorlage bekannt hat." Die Antwort des Antifemitenblattes, daß der Abgeordnete Werner zwar ein schätzbares Redaktionsmitglied sei, aber über die Haltung der Zeitung nicht allein zu bestimmen habe, hat die „Gegner des Zolltarifs von rechts" über die Bruhnffche Schwenkung natürlich nicht beruhigt. Für die Wühlarbeit dieser agrarischen Antisemiten ist besonders der Ton der öffentlichen Erklärung charakteristisch, welche der hessische ReichstagsabgeordneteKLHler an seineWähler zur Rechtfertigung seiner Abstimmung in der Zolltarifverhandlung erließ. Er sagt darin: „Möge fürderhin unser ‘ Bauernstand immer mehr aus seinem jahrhundertelangen Schlafe endlich sich austaffen, damit einmal auch ihm der Lohn seiner Arbeit zuteil werde, und der Bauernkrieg des 20. Jahrhunderts, der mit dem heutigen Datum begann, da sich zeigte, daß mehr als zwei Drittel der öffentlichen Gewalten verleitet durch die Irrlehren moderner Smith-, Ricardo, Marx'schen Nationalökonomie, dem Bauernstände feindlich gegerrüberstehen, dem Stande der deutschen Bauern zu gutem, zu siegreichem Ende für ihn selbst und damit für das ganze deutsche Volk und Vaterland geführt werde." Daß sich konservative Politiker noch länger mit solchen Antisemiten verbrüdern können, welche unverblümt den „öffentlichen Gewalten mit dem Bauernkrieg des 20. Jahrhunderts" drohen, ist schließlich in einer Zeit nicht wunderbar, in welcher Vertreter „der öffentlichen Gewalten" einzelnen Dreschflegelrednern religiöses Empfinden und loyale Gesinnungen zuerkennen. So tiefdie Kluft scheint, welche die verschiedenen konservativen, agrarischen und antisemitischen Fraktionen von einander trennt, das Vorurteil gegen die Juden überdrückt diese Kluft immer wieder oder bildet wenigstens das rote Tuch des verblendenden Hasses, welcher die so leicht zur Wut gereizten Jnteressenpolitiker veranlaßt, weiter zu stürmen, ohne der etwaigen Folgen zu achten. In mehreren Versammlungen der konservativen Bürgervereine, in welchen die Vorgänge im Reichstage eingehend besprochen werden sollten, wurde die Haltung der „Gegner des Zolltarifs von rechts" mit keiner Silbe berührt, nur das dieseKreise immer wieder einigende antisemitische Moment betont und die Fabel, daß die Führer der lärmenden Obstruktion Juden gewesen seien, mit Kundgebungen gläubiger Zustimmung entgegen genommen. In einer Versammlung knüpfte Herr Rechnungsrat Schmidt an diese Fabel die Erklärung, „derKampsgegendenUmsturzmüffe ein Kampf gegen das Judentum sein, wenn er erfolgreich sein solle", in der anderen sprach sich Herr Lehrer Schröder in demselben Sinne