Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-01-01
- Page
- 74 (sequence 5)
- Language
- German
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74 deutschen Reich. der Görlitzer Gedenkhalle, dem deutschen Volke zur Freiheit der Wissenschaft und zur Denkfreiheit zu verhelfen, nicht abfinden können. Schon haben die im Bunde der Landwirte zur Wahrung ihrer Stand esinteressen geeinten antisemitischen Agrarier der Regierung den Fehdehandschuh so entschlossen hingeworsen, daß selbst ein in der Wolle gefärbter konservativer Politiker wie Herr non Kardorff sich gedrungen fühlte, seinen Austritt aus dem Bunde öffentlich zu erklären und zu begründen. Auch andere feiner Gesinnungsgenossen werden bald zu der Erkenntnis gelangen, daß ein gouvernemental gesinnter Politiker sich von der agrarisch-antisemitischen Strömung nicht weiter treiben lassen kann, weil die mit den „Deutsch- Sozialen Blättern" Liebermanns, der „Deutschen Tageszeitung" Oertels und der „Staatsbürger-Ztg." Bruhns rivalisierende „Kreuzzeitung" auf dem besten Wege ist, die konservative Partei durch den Antisemitismus zu Grunde zu richten. Weshalb die „Staatsbürger-Ztg." in der Zolltariffrage sich von dem Triumvirat Liebermann-Oertel-Kropatscheck neuerdings getrennt und für die Regierungsvorlage erwärmt hat, ist sehr erklärlich. In finer Besprechung einiger von den Waarenhäusern massenhaft verbreiteten Bücher schrieb dieses Blatt kürzlich: „Eine derartige Lektüre kostet nicht viel Gehirnanstrengung; daß sie nicht gerade zur Veredlung des Geschmacks beiträgt, ist dabei Nebensache, die Hauptsache bleibt ür die Inhaber der literarischen Waarenhäuser das Geschäft, und der pekuniäre Erfolg ist da. „Nü also, was woll'n Se denn noch?" Schärfer konnte Herr Wilhelm Bruhn die Tendenz der Antisemitenpresse nicht kritisieren. Der „Staatsbürger-Zeitung" ist denn auch von den Organen der andern antisemitischen Fraktionen in letzter Zeit der Text gründlich gelesen worden. Die „Deutsche Tagesztg." verwies daraus, daß der scharfe Tadel, den jenes Blatt gegen die „Gegner des Zolltarifs von rechts" richtete, auch den Abgeordneten Ludwig Werner getroffen habe, der noch am Abend vor dem Erscheinen dieses Schwenkungsartikels als verantwortlicher Redakteur der „Staatsbürger-Ztg." zeichnete. Don den „Deutsch-Sozialen Blättern" wurde ihr Folgendes in's Stammbuch geschrieben: „Der „Staatsbürger-Ztg" ist bekannt, daß sämmtliche antisemitische Abgeordnete mit Ausnahme der Herren Ahlwardt und Böckel, die nicht anwesend waren, einmütig gegen den Antrag Kardorff und dann gegen das ganze Gesetz gestimmt haben. Von Dr. Böckel haben wir Ursache anzunehmen, daß er so gestimmt haben würde, wie die übrigen zehn Abgeordneten. Bleibt also nur Herr Ahlwardt als Maun nach dem Herzen der „Staatsbürger-Zeitung"