Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-01-01
- Page
- 73 (sequence 4)
- Language
- German
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Umschau. 73 nicht hemmen, der rechte Wille, eine Nation zu bilden, zum Ziele führe, aus genealogisch verschiedenen Elementen ein Ganzes zu schaffen. Nicht die Abstammung, nicht Bluts- oder Sprachenverwandtschaft, sondern der Raum mache die Nation. Daß die Antisemiten, deren geschäftliche Existenz vollständig von dem Fortbestehen der Rassenhetze abhängt, denen eine geschickt mit wiffenschaftlichen Phrasen verbrämte unwissenschaftliche Rassen- Lheorie auch in gebildeten Kreisen einigen Anhang verschafft hat, von den Ausführungen Kirchhoffs nicht erbaut sind, begreift sich leicht. Ihnen muß es natürlich gegen den Strich gehen, wenn ein christlicher Denker, der in dem jüdischen Kultus und in der hebräischen Kultussprache fast das einzige alle Juden umschlingende geistige Band erblickt, daran die Bemerkung knüpft: „Auch die Katholiken Deutschlands haben ihre besondere Kultussprache, das Lateinische, ihre besonderen Kultushandlungen, die nicht immer mit derjenigen der Mehrzahl der Nation übereinstimmen; sind sie deshalb von den Protestanten national verschieden?" So einleuchtend diese vorurteilsfreie Anschauung ist, widerstrebt sie doch selbstverständlich allen, welche unter der fälschlich angemaßten „deutsch-nationalen" Flagge den Erisapfel einschmuggeln, den sie beständig in das deutsche Volk werfen, das sie trennen wollen, um es zu beherrschen. Die Kreise, deren Organ die „Kreuz-Ztg." ist, kennen kein anderes Mittel, ihre Macht, die sie nach der „liberalen Aera" wieder befestigt und erweitert haben, zu verteidigen, als die Drachensaat der pseudonationalen Zwietracht. Dazu gehören der Rassen- und Klassenhaß, die Verdächtigung jeder Aufklärung und die Begünstigung der Ichsucht, welche so schön mit der eigenen Jnteressenpolitik harmoniert. Zu diesem Zwecke ist das Blatt der „Tivoli-Konservativen" sogar bereit, sich mit dem von ihm bisher so heftig befehdeten Liberalismus auszusöhnen, vorausgesetzt, daß dieser seinen Charakter verleugnet, an Klassenhaß mit den Agrariern, an Rassenhaß mit den Antisemiten um die Palme ringt. Wolle er dies nicht, dann werde er, wie sie meint, unter jüdische Führung geraten. Der Leitartikler der „Kreuz-Ztg." bestreitet zwar die Existenzberechtigung einer künftigen liberalen Partei nicht, setzt aber mit prophetischer Warnermiene hinzu: „Jüdisch darf der Liberalismus der Zukunft nicht sein, oder er wird sozialdemokratisch sein!" Wollten die Liberalen, den Kreuzzeitungsmännern ebenso wie Herr Dr. Kropatschek gute Lebren erteilen, .dann könnten sie nur sagen: „Antisemitisch-agrarisch darf die konservative Partei der Zukunft nicht sein, oder sie wird anarchistisch-revolutionär sein!" Sie hat schon das Kaiserwert: „Brotwucher kann ich nicht treiben!" fälschlich den Juden in den Mund gelegt; sie wird sich auch mit der kaiserlichen Verheißung in'