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Im deutschen Reich · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. 72

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1903-01-01
Page
72 (sequence 3)
Language
German
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IRI
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72 Im deutschen Reich. dem jüdischen Soldaten trotz der größten Pflichttreue mitunter früher die wohlverdiente Belohnung nur widerwillig zugestanden wurde eder ganz vorenthalten geblieben ist. Mit dieser jüdischem Empfinden entsprechenden Definition des Nationalitäts-Begriffs läßt sich unschwer eine Antwort in Einklang bringen, welche Professor Kirchhofs in Halle auf die Frage „Was ist national?" im Februar 1902 gegeben hat. Er führte in dem tut Machest 1902 dieser Zeitschrift ausführlich besprochenen Vorträge aus. daß sich wohl in früheren Jahren die Begriffe „Volk" und „Nation" gedeckt hätten, dies aber jetzt nicht mehr der Fall sei. Ehemals habe als eine „Natio“ ein Volksstamm gegolten, der zufolge gleicher Abstammung seiner Glieder sich in Aussehen und Sprache, Brauch und Sitte gleich zeigte; jetzt aber müsse ein Volk bestimmte Grenzen innehalten, um sich als Nation zu bewahren. Diese entstehe überhaupt erst, wenn ein Volk seinen geographischen Rahmen und festen Wohnsitz erhalte und innehalte. So seien die Deutschen in Oesterreich wohl dem deutschen Volke, jedoch nicht der deutschen Nation Zuzurechnen, die in Deutschland wohnenden Polen und Juden in der Gegenwart nicht etwa besondere Nationen, denn solche könnten nur in einem besonderen, natürlich begrenzten Raume sich bilden und bestehen. Das Sichbilden von Nationen, von dem Schiller gesprochen habe, vollziehe sich durch einen langsamen aber sicheren Verschmelzungs- Prozeß verschiedener Elemente aus gemeinsamem Boden. Durch solche geistige Assimilierung hätten die französischen i-6ku§i68 der deutschen Nation einen vorzüglichen Zusatz geliefert. Dem Blute nach waschechte Franzosen, seien deren Abkömmlinge im Fühlen und Denken, in allen geistigen Interessen deutsch! Nicht die Umgangssprache, sondern die Staatsbürgerschaft liefere das Merkmal der Zugehörigkeit zu einer Nation. Kirchhoff erblickt in der Geschichte der Juden den deutlichsten Beweis für die Richtigkeit seiner Anschauung von dem Nationalitätsbegriff; er meint, daß die Kultussprache neben dem Kultus selbst das geistige Band sei, welches die überallhin zerstreuten Juden eine, die sich mit den Nationen, unter denen sie wohnen, viel schneller verschmolzen haben würden, wenn man ihnen sofort die bürgerliche Gleichstellung gewährt hätte. Er sagt: „Die Staatsbürger mosaischen Bekenntnisses gehören gerade so zur deutschen Nation wie die Angehörigen anderer Bekenntnisse, eben weil sie Bürger des Reiches sind, für dessen Errichtung auch jüdisches Blut geflossen ist!" Wenn man die Kämpfe beobachte, die in Oesterreich-Ungarn, England und Amerika zur Zeit noch den inneren Frieden dieser Staaten stören, dann müsse man notgedrungen zu dem Schluffe gelangen, daß dort, wo die geographischen Grenzen den Prozeß

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