Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-01-01
- Page
- 71 (sequence 2)
- Language
- German
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Umschau. 71 „Ostdeutsche Beamtensünden" überschriebenen Artikel daraus hm, daß das antisemitische Treiben mancher Beamten in den Oftmarken dazu führe, daß dort zuweilen wichtige Kommunalämter oder Reichstags¬ und Landtagsmandate an Polen übergehen. Das hat seinen Grund nicht darin, daß etwa dort Katholiken und Juden durch den Antisemitismus jener Beamten im Kampfe für das Deutschtum lasch werden, sondern daß sie in die Unmöglichkeit versetzt sind, sich an den Wahlen zu betheiligen, wenn die Beamten die Kandidaturen bekannter konfessioneller Hetzer befürworten. Die Bemerkung des betreffenden Blattes, daß die Juden in den Oftmarken schließlich Anschluß auf der anderen Seite suchen würden, wenn ihnen als Entgelt für ihre nicht leichte Betätigung des Deutschtums nur immer wieder Abweisung und Anfeindung zu teil werde, hatten die für den widersinnigen Antisemitiomus jener Beamten begeisterte „Kreuz-Ztg." und andere judenfeindliche Blätter so zu deuten versucht, als ob „die Juden sich stets auf die Seite schlagen würden, bei der sie des Entgelts sicher seien." Wäre dies der Fall, dann würden die Polen zweifellos die Meistbietenden bleiben, aber so wandern zahlreiche deutsche Juden aus der Provinz Posen aus, um weder undeutsck zu handeln, noch zwischen zwei Feuer zu geraten; und an die Stelle der verkannten Deutschen tritt überall dann der Pole — ohne Entgelt! Der deutsche Jude hegt Deutschland gegenüber jene uneigennützige Empfindung, die sich in den klassischen Worten ausdrückt: „Wenn ich dich liebe, was geht es dich an!" Er ist nicht Deutscher, weil er will, sondern weil er muß!. Wer einmal, fern von der Heimat, selbst in paradiesischer Gegend und unter sreundlichgestnnten Fremden lebend, schwer an Heimweb gelitten und dann erst auf deutscher Erde und in deutscher Umgebung wieder genesen ist, der wird kaum an die Willkürlichkeit der Nationalität glauben. Ein Gewand läßt sich willkürlich wechseln, ein Name läßt sich ändern, eine fremde Sprache kann uns fast geläufiger werden als die Muttersprache, aber selbst wenn wir deutschen Juden zuweilen bei neuzeitlichen Vorgängen aus der Haut fahren möchten — die deutsche Haut sitzt fest, wir find und bleiben Deutsche, weil wir müssen, weil uns die Mutter an der Wiege schon mit deutschen Liedern in den Schlaf gesungen, weil wir in deutschen Schulen eine deutsche Erziehung erhallen und viele von uns deutscher Heerespsiicht genügt haben. Und diese Haut, aus der wir nichtherauskönnten, selbst wenn wir wollten, wir werden sie obne Zucken jederzeit zu Markte tragen, wenn das Vaterland Verteidiger braucht; wir werden es opferreudig und uneigennützig tun, wenn auch nach errungenem Siege