Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1903-01-01
- Page
- 70 (sequence 1)
- Language
- German
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70 Hm deutschen Reich. ^^ine der meistumstrittenen Fragen der Neuzeit dürste die sein: ,,Was ist national?" Die Antworten, die bis jetzt auf diese Frage gegeben und in die Oeffentlichkeit gedrungen ftnbr lauten sehr verschieden; sie sind maßgebend für den politischen Standpunkt dessen, der sie erteilt, geben aber kaum eine endgiltige Lösung der Streitfrage. Ueber die engherzige Begrenzung des Nationalitätsgefühls durch die Antisemiten braucht man kaum ein Wort zu verlieren; sie ist so undeutsch-chauvinistisch wie die ganze, dem deutschen Reiche so wenig zur Ehre gereichende Bewegung. Aber auch die von anderer Seite gegebenen Erläuterungen befriedigen kaum; denn wenn nach der Ansicht eines berühmten Völkerpsychologen die Nationalität jeden umfaßte, ,,der mit der deutschen Zunge spricht", dann würde sie mit den Deutschen zahllose Menschen verbinden, .welchen zwar das Deutsche noch Muttersprache ist, die aber in fremden Ländern längst deutsche Sitten und deutsches Empfinden abgestreift haben und jetzt den Staat, in dem sie oder bereits ihre Vorfahren eine neue Heimat fanden, als ihr Vaterland betrachten, für das sie patriotische Begeisterung hegen. Unzutreffend ist auch die Bestimmung der Nationalität, die Sache des freien Willens sein soll. Nein, Deutscher ist nicht, wer Deutscher sein will; denn dann würde der nach Amerika ausgewanderte polnische Bewohner der deutschen Ostmarken sich nicht im Ausland nach dem Dust deutscher Tannen und dem Klang deutscher Volkslieder zurücksehnen; dann würde nicht der jüdische Bewohner jener.Ostmarken geduldig unglaubliche Drangsale darum ertragen, daß fanatische Polen ihn als Pionier des Deutschthums befehden, und manche vom Antisemitismus verblendete deutsche Beamte durch geschäftliche und gesellschaftliche Boykottierung der Juden ihre eigene Germanisierungs- Arbeit zerstören helfen! Ein Berliner Blatt wies kürzlich in einem