Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
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- Date
- 1903-01-01
- Page
- 66 (sequence 4)
- Language
- German
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66 Im deutschen Reich. geworden sind. Von den 1000 Dutzend Juden, die aus anderen Gründen über traten, wird wohlweislich nicht gesprochen. Man mutz ja auch nicht alles sagen. So erlaube ich mir, diesem Mangel in der Broschüre des Herrn Frank abzuheifen, indem ich die Lücke ergänze: Auch mir sind hier wie anderswo getaufte Juden begegnet; die Taufmotive, die sie kaum bemäntelten, waren Stellenhunger, Parvenüaipirationen, Nachahmungstrieb und — mangelnder Intellekt, so daß ich mich stets wundere, daß sich Geistliche finden, welche derartige Elemente in ihr Bekenntnis aufnehmen. Ueberaus charakteristisch für die Selbstbewcrtung der Taufe hei Täuflingen ist daher eine Anekdote, welche einem von Juden stammenden brandenburgrschen Geistlichen in den Mund gelegt wird, der auf die Frage nach dem Taufmotiv eines Apostaten die Antwort erhielt: „aus Ueberzeugung", und darauf replicierte: „Erzähle das dem Goj!" Ich wiederhole aber noch einmal, daß ich sogar annehmen will, die von Herrn Frank auserwählten Zwölf sind wirklich aus Ueberzeugung übergetreten. Die Geschichte aber und meine eigene Erfahrung als Seelsorger lehren die unableugbare Thatsache, daß die weitaus größte Anzahl der Abtrünnigen aus Israel aus den unlautersten Motiven übcrgetreten sind, daß sie Glaube und Wahrheit als eine Schacher waare betrachtet, die sie gegen Ehre und — Liebe eingetauscht haben. Ich weiß nicht, ob Professor Philippson das Wort gesagt bat, daß die, welche uns verlassen, „sogar sonst sittlich hochstehende Elemente" sind. Wenn dies der Fall ist, so bedaure ich das lebhaft und kann diese Aeußerung nur als lapsus calami erklären. Es mögen geistig und materiell potente Juden in Schaaren zum Christentum übergelaufen sein, sittlich hochstehende Elemente waren es aber nicht Was heißt denn das „sonst sittlich hochstehend?" Entweder ich stehe sittlich hoch, ich bin makelfrei — oder ich befinde mich nicht auf sittlicher Höhe. Eine Teilung des Begriffes „sittlich hochstehend" ist ein Unding. Wenn ich z. B. sonst sittlich hockstehe, bei passender Gelegenheit aber einen Meineid leiste oder eine ehrenrührige Handlung begehe, so ist mein sittliches Nweau dadurch charakterisiert: Ein „sonst sittlicher Mensch" ist ein unsittlicher Mensch! Ich behaupte nach ernster Gewiffensprüfung, daß ein charaktervoller Jude, der sein Judentum kannte, niemals zum Christentum Lbergetreten ist. Alle Täuflinge sind (trotz Philippson) Fällst st, wurmstichige Früchte. Es gehört nun einmal zur Gesundung eines Körpers — auch einer religiösen oder staatlichen Gemeinschaft — und es ist weise so in der Oekonomie der Natur eingerichtet, daß er Verdorbenes und Abge-