Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
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- Date
- 1903-01-01
- Page
- 64 (sequence 2)
- Language
- German
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64 Im deutschen Reich. kranke Zweige, die von dem uralten Baume abbröckeln. Allein das ist leider unrichtig: vielmehr verlassen uns zahlreiche geistig und materiell potente, sogar sonst sittlich hochstehende Elemente." Auf diese Einleitung folgen 12 Biographien von Juden, welche „aus Ueberzeugung" zum Christentume übergetreten sind. Es liegt mir auch völlig fern, die Ehrlichkeit dieser 12 Uebertritte anzuzweifeln. Ja, ich begreife sogar den Stolz frommer Christen über die große Anzahl von Apostaten aus dem Judentume. Es darf aber bei allen Taufstatistiken nicht vergessen werden, daß es noch nicht lange her ist, daß das Gesetz einem Christen den Uebertritt zum Judentume unmöglich machte. Noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts ist der edle Gras Potocki, der zum Judentum übergetreten war, in Wilna lebendig verbrannt worden*), und noch heute wird der Abfall vom Christentum in Rußland als Verbrechen bestraft. Trotzdem sind Uebertritte zum Judentum viel zahlreicher als selbst in jüdischen Kreisen bekannt ist. In Oesterreich ist der Ueber- Lritt zum Judentume erst seit 1868 erlaubt, und in den Jahren 1868 bis 1875 sind allein in Wien 768 Christen zum Judentum übergetreten. Und ich werte diese Uebertritte viel höher als die von Juden zum Christentume, denn es gehört sicher größere Opferwilligkeit und Ueberzeugungsfreudigkeit dazu, aus der herrschenden Kirche Zur eeclesia pressa überzutreten. Das beweist auch die Liste der folgenden 12 zum Judentume übergetretenen Christen, welche ich zum gefälligen Vergleiche der Liste des Herrn Frank gegenüberstelle: 1. Bodo, der aus edlem alemannischen Geschlechte stammende Hauskaplan Kaiser Ludwigs des Frommen, der im Juni 839 zum Judentume übertrat (Dogelstein-Rieger, Geschichte der Juden in Rom 1,136 ff.). 2. Weeelinus, der Kaplan Herzog Konrads» der 1005 Jude wurde. 3. Der Proselyt Rabbi Abraham aus Augsburg, der am ZU November 1264 verbrannt wurde (ZunZ, Literaturgeschichte S. 350; Salseld, Martyrologium S. 149). 4. Der Proselyt Rabbi Isaak aus Würzburg, der am 4- Juli 1270 in Weißenburg verbrannt wurde (Salseld daß S- 149 f, 296, 302)- 5. Der Prior der Barfußermönche, der als Jude Rabbi Abraham 1270 das Martyrium erlitt (Aromus, Regesten Nr- 740: Salseld das. S. 149). *) Wissenschaft!. Beilage zur „Jüdischen Presse" 1895, Nr. 26.