Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Sprache und Nationalität
- Date
- 1903-01-01
- Page
- 60 (sequence 17)
- Language
- German
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60 Im deutschen Reich. bedingt; die Entstellungen, erstaunlich gering, sind nur des ans Pirreparable outrage. Und nicht einmal irreparabel sind diese Entstellungen. Es bedurfte blos der Berührung mit dem heimischen Boden, um nach kurzer Zeit den Unterschied schwinden zu machen, der sich in Jahrhunderten herausgebildet hatte, um die Schüler des Neuhochdeutschen zu Lehrern und Meistern werden zu lassen. Es ist kein Zufall und kann kein Zufall sein, daß unter den Vorbildern besten deutschen Stils, unter den Begründern und Schöpfern der modernen deutschen Sprache so viele Juden sind, deren Eltern nur den Jargon gekannt, die selbst in ihrer Jugend den Jargon gesprochen haben. Freilich hat zu dieser sprachbildnerischen Kraft unserer Glaubensgenossen in allen Zungen nicht wenig ihre Jahrtausende hindurch gepflegte Zweisprachigkeit beigetragen. Irrig aber ist die Annahme, die wohl aus der Neigung herzuleiten ist, jede große Umwandlung an einen bestimmten Namen zu knüpfen und dessen Träger für den einzigen Urheber der Umwandlung zu halten, wenn gesagt wird, Moses Mendelssohn sei es gewesen, dessen Pentateuchübersetzung das Neuhochdeutsche bei den deutschen Juden eingeführt habe. Moses Mendelssohns große Verdienste liegen auf einem anderen Gebiet, und man verkennt sie, wenn man sie in der eben erwähnten Richtung sucht. Mendelssohns PentateuchüberseHung, nach der Sitte der Zeit auf Subskription herausgegeben, ist in 700 Exemplaren erschienen. Die Subskribentenliste, die erhalten ist, führt die Namen großer Herren, Fürsten und Grafen auf, die nicht in der Lage waren, sich des Jargons entwöhnen zu lassen, und nur eine kleine Minderzahl jüdischer Namen; von dieser kleinen Zahl konnte die große pädagogische Wirkung unmöglich ausgehen. König Friedrich II. ist es gewesen, der durch die Teilung Polens einer großen Zahl der staatsrechtlich nun nicht mehr polnischen Juden für ihren Handel und alle ihre Beziehungen die Richtung nach Westen gab. Jetzt begnügten sie sich nicht mehr, dm Jargon, ihren Dialekt, zu sprechen, sondern sie nahmen die Redeform der neuen alten Heimat an, in deren veränderte Weise sie sich mit gewohntem Geschick schnell fanden. Die deutschen Juden, die vor ihrer Verbannung aus Deutschland zu den Minnesängern einen Süßkind von Trimberg gestellt, wurden die gelehrigsten Zöglinge der neuesten Classizität, ihre eifrigsten Schüler und, was die Sprachbeherrschung anlaugt, bald ihre Genossen. Außer der Zweisprachigkeit, die ich schon erwähnt, hals ihnen dabei die erstaunliche grammatische Ausgestaltung des Jargons, der weit strengere Gesetze über Wortfolge hat, als das Neuhochdeutsche, das in gewissem Sinn Schulung erst gewinnen soll. Wenn ein oft-