Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Sprache und Nationalität
- Date
- 1903-01-01
- Page
- 61 (sequence 18)
- Language
- German
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Sprache und Nationalität. 61 licher Jude einen Satz von 20 Worten spricht, so werden diese 20 Worte genau die gleiche Fügung und Folge haben, der Sprechende mag aus Wiersballowo oder aus Irkutsk sein. Unserem Ohr klingt im Jargon fremd und fehlerhaft, was doch nur strenge Sprachgenauigkeit ist. Der Jargon hat beispielsweise noch die starke Deklination des Mittelhochdeutschen auch für die EigenschaftsworLe, die im Neuhochdeutschen zur schwachen Deklination verschliffen ist. „Gott der Gerechter" sagt er, nicht weil er falsch deutsch spricht, sondern weil er richtig mittelhochdeutsch spricht. Werke moderner Dialekt-Dichter werden in's Hochdeutsche, hochdeutsche Dichtungen werden in Dialektform übertragen. Das hält man für natürlich und selbstverständlich. Mit welchem Recht will man über den Judenknaben aus dem Osten lachen, der eifrig murmelnd über einem Buch sitzt und auf die Frage, was er tue, den Bescheid giebt: „Ich vertatsch mir den Schiller." Es sind nicht wenige Juden des Ostens gewesen, die sich „den Schiller vertatscht" haben, die mit glühender Seele des großen Dichters Worte aufnahmen, aus seinem Pathos Begeisterung schöpften. Früher als im deutschen Reich war Schiller bei den Juden des Ostens populär, und die erste französische Republik hatte ihn noch nicht zu ihrem Ehrenbürger gemacht, als Schillers Name bei den Juden des Ostens schon die Bezeichnung für einen Idealisten geworden war. Die deutschen Juden haben in Deutschland die hier übliche Redeweise völlig angenommen, und die Zurückwandernden tun das Gleiche in überraschend kurzer Zeit. Es wäre jedoch weit schlgegangen, wollte man glauben, daß der Jargon deswegen aufgehört habe, ein lebender Dialekt zu sein. Er wird von mehr Menschen gesprochen, als irgend ein anderer deutscher Dialekt. Die Zahl der Juden, die sich durch ihn verständigen, dürfte hinter zehn Millionen nicht weit zurückbleiben. Und in diesem Dialekt dichten noch heute Lyriker von großer Begabung. Nicht blos in Rußland-Polen, in Galizien und Rumänien, auch in England, in Afrika und Amerika erscheinen Zeitungen, die im Jargon geschrieben sind; in London und New-Ior! giebt es Schauspiel- und Opernhäuser, deren Darsteller im Jargon reden und singen. Der Jargcn hat seine Rolle noch nicht ausgespielt und wird ernste Würdigung finden, trotz der armseligen Spötter, die verhöhnen, was sie nicht verstehen, und die nicht wissen, daß sie, sich selbst zur Schande, im Jargon die eigene Vergangenheit schmähen.