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Im deutschen Reich · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. 59

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Article
Sprache und Nationalität
Date
1903-01-01
Page
59 (sequence 16)
Language
German
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Sprache und Nationalität. 59 haben sie ihn auch in mh'usr; gefunden — denn was findet ein Gelehrter nicht! Sie haben gewiß schon die Redewendung gehört: „Ein Geseire machen", oder „ein großes Geseire wachen". Das Wort ist altdeutsch und bedeutet „Gesage", „Gerede". Sie werden es erkennen, wenn sie an den ersten Vers des Nibelungenliedes denken: Uns ist in alten Mären Wunders viel gefeit". In wunderlicher Verkennung hat man das deutsche Wort „Geseire" mit dem hebräischen Geseiro in einen Zusammenhang bringen wollen, gegen den sich die Bedeutung des hebräischen Wortes: Verhängnis, Verfügung, Befehl, unbedingt sträubt. Man ist dabei nicht viel klüger gewesen, als jener Gefühls- Etymologe, der eine genaue Uebereinstiwmung von baal milchomo mit dem lateinischen konstatierte, nämlich von baal mit bellum und von milchomo mit homo. Auch das Umgekehrte kommt noch in unseren Tagen vor: daß ein hebräisches Wort volksetymologisch flektiert und, trotz aller Sinnlosigkeit, für ein deutsches Wort genommen wird. Jedem Skatspieler ohne Ausnahme, das ist also etwa jedem vierten Deutschen, ist die Wendung geläufig: „ich maure" oder „ich habe gemauert", und nicht der tausendste erkennt den Ursprung, der sich aus dem Bekenntnis eines übervorsicktigen jüdischen deutschen Skatspielers herleitet: „ich habe Maure". Sogar der Tonfall, der dem Jargon eigen ist und im Westen unseres Vaterlandes heute noch Anklänge findet, entspricht der Ueber- Lieferung aus Deutschlands Altertum. Ich kann keinen Beweis beibringen, aber ich habe das lebhafte Gefühl, als wäre vorZeiten der „Trop" auch der deutschen getragenen Redeweise nicht fremd gewesen. Die Ribelungenstrophe —- ich habe den Eindruck — verlangt förmlich nach solcher Art des Vortrags, die der zweiten Hälfte des vierten Verses mit ihrer überschüssigen Hebung den schleppenden Charakter nimmt und sie gefällig moduliert. Wäre der fortdauernde und innige Zusammenhang aller Juden — ausgenommen die Juden spanischer Zunge — mit deutscher Sprache nicht vorhanden, nie wäre es möglich gewesen, daß die Juden so schnell, wie geschehen, mit dem neuen Idiom sich vertraut gemacht hätten. In Rußland und Polen, in England, Galizien, Rumänien, in Afrika, Amerika und Australien sprechen die Juden, die die 600jährige Verbannung aus Deutschland durchgemacht haben, den Jargon, einen deutschen Dialekt, haben sie die Sprache der Landesbevölkerung sich nur so weit angeeignet, als die notdürftige Verständigung erfordert, während sie im Haus die alte deutsche Sprache beibehalten, wie sie ihnen überliefert worden. Die Wandlung, die diese Sprache durchgemacht, ist einzig durch die natürliche und gesetzliche Entwickelung

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