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Im deutschen Reich · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. 58

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Article
Sprache und Nationalität
Date
1903-01-01
Page
58 (sequence 15)
Language
German
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58 Im deutschen Reich. sagen: kosmetischen Aneignung, die, einer Auflegung von Schönheitspflästerchen vergleichbar, mehr geziert als zierlich, einem gesunden Geschmack zuwider ist. Die Träger des Jargon sind von solcher Geschmacksverirrung nicht frei geblieben. Doch auch hierin sind sie nur dem Beispiel ihrer arischen Landesgenossen gefolgt, die zu einer gewissen Zeit der deutschen Sprache in barbarischer Weise fremde Flicken und Lapven in solchen Mengen aufzulegen liebten, daß von dem Gewebe des Urstoffs kaum etwas erkennbar blieb. Wenn dem Jargonredner die Redefigur gefiel: „ich bin mich taue gewesen" für „ich habe mich geirrt", so hatte er wenigstens der Grammatik Leider zusammengeschweißten Sprachen gerecht zu werden sich bemüht, und er war nicht so gewaltsam verfahren, wie Friedrich Wilhelm I. als er in einem Schreiben vom 25. April 1716 „seine Souveränite wie einen roeller de bronc-e zu establiren" erklärte, oder wie der arischdeutsche Gelehrte, der unfreiwillig der Mißachtung der Muttersprache Ausdruck gab, indem er berichtete, daß „Cäsar den publiken Tresor spoliirte". Nur der Gelehrte und der Talmigelehrte versündigten sich in solcher Weise an dem Jargon, genau so, wie es der Gelehrte und der Talmigelehrte geraume Zeit hindurch gegenüber der neuhochdemschen Sprache Laten. An der neuhochdeutschen Sprache aber ist der widerwärtige Ungeschmack vielfach haften geblieben. Wir sind nur durch Gewöhnung abgestumpft, so daß wir kaum bemerken, daß es mönchslateinische Redewendungen sind, wenn wir eine Sache „in Betracht nehmen" oder „Ziehen" oder ihr „Rechnung tragen". Dagegen ist arische Unbildung schnell bereit, es lächerlich Zu finden, wenn der Jargon von dem „dösigen" spricht. Die Unbildung weiß nicht, daß „der dasige" gut mittelhochdeutsch ist und der bessere Gefährte von „dem jenigen", der heute noch — allerdings meist in falscher Anwendung und in einer die Unkunde des Ursprungs verratenden falschen Betonung — geläufig ist. Nicht selten kommt es vor, daß ein echt deutsches Wort in Deutschland so fremd geworden ist, daß es für ein Jargonwort gehalten wird, namentlich wenn es lautlich an ein hebräisches Wort auklingt. Das Neuhochdeutsche kennt das Wort „miß" nur in der Zusammensetzung, als eine Art Vorsilbe: Mißbildung, Mißgeschick, mißglücken. Im Mittelhochdeutschen war und im Jargon ist es noch heute ein selbstständiges Eigenschaftswort und ein Adverb: Ein mißer Jung, eine miße Sache, mir ist miß. Sogar zum Hauptwort ist es im Jargon vorgerückt: Sie kennen den Stoßseufzer: es ist eine Mißkeit. Gelehrte Sprachforscher haben für das deutsche Wort „miß" einen hebräischen Vater gesucht, und selbstverständlich

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