Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Sprache und Nationalität
- Date
- 1903-01-01
- Page
- 57 (sequence 14)
- Language
- German
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Sprache und Nationalität. 57 Schlaf, süß und milde, Hält unter seinem Schilde Bis früh dich im Arm; Deckt dich mit den Flügelein In deinem Wiegelein Sorglich und warm. Dem Jargon wird zum Vorwurf gemacht, daß er so viel polnische und hebräische Worte ausgenommen habe. Diese Aufnahme hat in der Tat stattgefunden. Einen Vorwurf aber . begründet das nicht, denn die Aufnahme ist nicht in größerem Umfang erfolgt, als bei jedem anderen deutschen Dialekt, und jedenfalls mit besserem Geschmack und mit größerem Verständnis. Dabei ist der Jargon fremdsprachiger Einwirkung ungleich länger ausgesetzt gewesen, als irgend ein anderer Dialekt. Die verhältnismäßig kurze Zeit der Franzoseuherrschaft hat ausgereicht, den Berliner Dialekt mit dem Wort „plieren" zu bereichern, das von pleurer kommt und von denen, die es brauchen, dem Ursprung nach nicht gekannt ist. Das ..bleu mourant" ist als „blümerant" in den deutschen Sprachschatz übergegangen. An denselben Ursprung erinnert das in seiner Umlautuug unsinnige „abgemacht-Seefe" und „abgemacht-sela" — das aus «c’est fait~ und c'est Ihr' entstanden ist. Wie viele Deutsche wissen noch, daß sie eine französische Redewendung brauchen, wenn sie sich bereit erklären, ihr Leben „in die Schanze" zu schlagen. In die „Chance" heißt es, und die Volksethymologie erst hat die Chance in eine Schanze umgewandelt. Solche verständnislose Aneignung von Fremdworten kennt der Jargon nicht. Er hält an der richtigen Aussprache des Fremdworts mit größerem Geschick fest, als es in anderen Dialekten geschieht, und manches Mal sagt man ihm mit Unrecht eine Entstellung nach, weil man bei uns die sprachliche Herkunft verkennt. „E Peckatill" sagt der Jargon, und wir vermuten darin eine Entstellung von Bagatelle, während es nur eine leise Abweichung von peccatillum ist. Der „Pekkatiüenrichter" früherer Zeiten wird den Juristen unter Ihnen noch erinnerlich sein. Selbst das in seiner kulinarischen Bedeutung berühmte „Schalent" ist die genaue deutschlautliche Wiedergabe des französischen Wortes chalent und bedeutet , Gewärmtes". Bei der Beurteilung der Beimischung namentlich hebräischer Worte in den Jargon ist zu unterscheiden zwischen der vollkommenen Besitzergreifung der der anderen Sprache angehörenden Laute, die überall so lange eine Bereicherung darstellt, als kein vollwertiger Ersatz aus eigenen Mitteln sich findet, und der äußeren, ich möchte