Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Sprache und Nationalität
- Date
- 1903-01-01
- Page
- 56 (sequence 13)
- Language
- German
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56 Im deutschen Reich. Wie oft haben Sie Leute, die nicht einmal Gaffenbuben waren über den „Ette" und den „Tate" lachen hören! Diese dachten eben nicht daran, daß der Vater ein Lehnwort aus dem Lateinischen ist; sie wußten nicht, daß der polnische Jude den deutschen Namen für den Vater aus unsere Tage gebracht hat. Daß der „Ette^ aus des Bischofs Uifilas „Atta unsa" herstammt, haben die ^Deutschen" nicht gemerkt. Im Kleid der Armut, aber nicht arm ist das Mittelhochdeutsche in der Gestalt des Jargons zur Heimat zurückgekehrt, und seine Gaben will er darreichen, sobald man sie nur verlangt. Sie sind von üppigem Reichtum, von größerem, als die aller übrigen deutschen Dialekte zusammen. Seine lehrhaften und unterhaltenden Erzählungen, seine Satiren und Dramen, seine Epen und lyrischen Gedichte sind wie Sand am Meer, und ihre Dichter sind ungenannt, weil sie nur aus der Volksseele gedichtet haben. Aus Tschudnowo in Südrußland stammt folgendes deutsche Wiegenlied: Schlaf man Yeigele. Mach zi dus Eigele. Schlaf sech ois man Kynd. Di schlufst myt Freid, Di weisst nyt vyn ken Leid Schluf sech ois gesynt. Ich dan Mvtter Byn dan Beschytzer. Schlaf sech ois gesynt. Der Schluf der giter Asoi wi a Hiter Steit ba dir bys tri. Myt san Fligele Yber dan Wiegele Dekt er dech styl zi. Hochdeutsch würde das Liedchen etwa lauten: Schlafe mein Vögelchen, Schließ deine Aeugelchen, Schlaf dich aus, mein Kind! Du schläfst in Freuden, Weißt nicht von Leiden, Schlafe gesund, mein Kind! Dein Mütterlein wacht, Hat auf dich Acht, Schlafe gesund, mein Kind!