Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Sprache und Nationalität
- Date
- 1903-01-01
- Page
- 55 (sequence 12)
- Language
- German
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Sprache und Nationalität. 55 jeder Tochtersprache Zur Muttersprache in genau derselben Weise vollzogen. Die Diphtonge au und ei werden zu o und e, das lange o wird zum langen a, das lange a zum langen e, das i zum ei. Wenn der Jargon „sregt" und nicht „fragt", wenn er von „Legen" statt von „Tagen" spricht, so ist er dem nämlichen Gesetz gefolgt wie der Engländer, der aus Jacob Jecob gemacht hat, und genau trifft er mit dem Engländer zusammen, wenn er Isaak Eisig nennt. Diese Verschiebungen der Selbstlaute sind keine Eigenheit des Jargons, sondern kommen in allen Sprachen vor. Der Jargon ist nur konservativer gewesen, dem Naturell der Juden entsprechend. Der „leimene Gaulom" ist in seinem adjektivischen Teil mittelhochdeutsch, und leitet sich nicht von Leim, sondern von Lehm her. Noch Luther kennt und braucht den Ausdruck „leimen" und „leimern" für „aus Lehm gebildet". Sie kennen wahrscheinlich den Scherz, den man gemacht hat, indem man einen unserer östlichen Landsleute über die merkwürdige und verwirrende aschkinefische Aussprache klagen ließ: „E Haus nennen se Haus, Zu e Haus sagen se Hos, und zu e Hof sagen se Haas." Der Aermste hatte mit seiner Klage weit mehr Recht, als er wußte. Es war nicht seine Schuld, daß man ihn vor 600 Jahren aus der Heimat vertrieben, und er, ein anderer Rip van Winkle, bei seiner Wiederkehr finden mußte, daß die Landsleute ihn verständnislos anblickten, weil während der 600 Jahre seiner Abwesenheit seine Sprache, seine liebe Muttersprache, an der er wie an der Heimat selbst gehangen, in seinem Mund einige Vokalveränderungm erfahren. Nicht feine Treue rühmte man, sondern man lachte über seine gealterten Züge, über die Runzeln, die die Fremde in sein Gesicht gegraben. Selbst für die Schätze, die er heimbrachte, hatte man keine Schätzung, weil die Tasche, in der er sie geborgen, nicht modisch war, weil sein Kleid den neuesten Schnitt vermissen ließ! Jene wissen nicht, was sie tun. Sonst würden sie nicht über den langen Kaftan lachen, die weite Schubitze, sondern mit Andacht aus die Tracht blicken, die die Tracht ihrer Väter gewesen. Denn der Chalath ist der alte „deutsche Rock", den die deutschen Juden in die Verbannung mitgenommen und an dem sie sestgehalten haben, als an dem Gewand ihrer Heimat. Wer Verständnis hat für deutsche Geschichte und Achtung vor deutscher Vergangenheit, der wird mit Andacht und mit Ehrfurcht aus das Kleid sehen, das ein stummer Zeuge unzerstörbarer Heimatliebe ist. Laßt den Mann in der Schubitze nur seine altmodische Tasche öffnen, tntb ihr werdet staunen, was sie an deutschen Schätzen enthält, die ihr vergeudet und verloren, er aber pietätvoll verwahrt hat!