Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Sprache und Nationalität
- Date
- 1903-01-01
- Page
- 54 (sequence 11)
- Language
- German
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54 Im deutschen Reich. können, wagt der Sänger seines Ruhms nicht zu behaupten. Waren die deutschen Juden als Handelsleute in der Kunst des Lesens und Schreibens im Durchschnitt ihren andersgläubigen Landsgenossen überlegen, so darf man doch vermuten, daß ihre Schreibkunde zumeist der hebräischen Schrift galt. So ist es erklärlich, daß die sporadische Kenntnis der deutschen Schrift im Osten nicht lange vorhielt. Man schrieb das Deutsche mit hebräischen Lettern, und hier ließ sich die Vokalisation nicht genau wiedergeben, zum Theil fehlte sie, nach dem Muster des Hebräischen, vöüig. Die Umlaute ö, ü, ä, der Diphtong ei wurden durch ein *» angedeutet, da es eine völlig deckende Bezeichnung nicht gab, und dieses andeutende ■> führte im Lauf der Jahrhunderte zu einer abweichenden Vokalaussprache. Vergegenwärtigt man sich dies und denkt mau ferner daran, daß in deutschen Landen selbst durch das völlige Aussterben des Gelehrtenstandes der schriftliche Ausdruck namentlich in der Vokalisation unsicher geworden war, sodaß die mittelalterlichen Akten vom „Kunig" oder „Kinig" sprechen, so wird man begreiflich finden, daß allmählich aus „es kömmt der König in seiner Glorie" ein „es kimmt der Kinig in seiner Glarei" wurde, daß Aristoteles im jüdischen Volksmund zum „Rostolles" sich wandelte. Daß der Name des großen Philosophen bei den Juden entstellt wurde, gereicht ihnen weniger zum Vorwurf, als ihnen zur Ehre gereicht, daß er bei ihnen zu einer Zeit populär war, da anderwärts blos die Spitzen der Gelehrsamkeit seinen Namen kannten. Als später die deutschen Juden im Osten auch bei Verwendung hebräischer Schriftzeichen für deutsche Kundgebungen zu vokalisieren begannen, folgten sie natürlich nicht den gleichsam historischen Gesetzen der Grammatik, sondern allein der Phonetik und hier zeigten sie eine außerordentliche Hellhörigkeit, die sich gerade in den Abweichungen offenbart. Das ganz kurze und fast stumme e in der Endsilbe en gaben sie nicht durch das Segol, sondern durch das Chirek, das i wieder. Sie schrieben, wie man wirklich sprach: gehabin, gewordin, gutin Tag. Wenn Sie aufmerksam auf ihre eigene Aussprache im täglichen Leben achten, so werden Sie finden, daß der östliche Jude genau nach dem Gehör geschrieben. Wir würden ebenso schreiben, hätten wir nur das Ohr zum Lehrmeister, wäre uns in der Schule nicht die historische Lautierung — nicht für die Sprache, sondern blos für die Schrift —- hergebracht. Die sprachgesetzliche Lautwandlung im Jargon, die den Unkundigen als eine willkürliche oder aus mangelnder Bildung entspringende Entstellung erscheint, ist eben, was ihr Name sagt: sprachgesetzlich. Sie hat sich innerhalb jeder Sprache und im Verhältnis