Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Sprache und Nationalität
- Date
- 1903-01-01
- Page
- 53 (sequence 10)
- Language
- German
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Sprache und Nationalität. 53 Jargon erhalten geblieben, während das Neuhochdeutsche sie gleichfalls nur in einer einzigen Anwendung erhalten hat. „Komm gesunderheit wieder" heißt es im Jargon, der damit sagt: „sei und bleibe gesund". Das neuhochdeutsche Residuum erscheint merkwürdiger Weise an einem Wort, wo das angehängte „heit" nur einen bedeutungslosen Erweiterungsschnörkel darstellt, in dem Wort „insonderheit", das lediglich eine Verlängerung von „insonders" ist. Im neuhochdeutschen Hauptwort hat sich die Endsilbe „heit", einen Zustand andeutend, erhalten in „Gesundheit, Krankheit, Klarheit" u. s. w.,' doch das neuhochdeutsche Umstands- und Eigenschaftswort hat die die Bedeutung flektierende Endsilbe verloren. Andere Worte des Jargons, wie „epper" — etwa und ^eppes" ---- etwas, haben sich nur dialektisch erhalten, dort, wo sich noch Spuren des Alemannischen finden, wie in der deutschen Schweiz. Dort hört man auch noch die tiefen Kehllaute des Jargons in „J(a)ch" und mi(a)ch", die der polnische Jude sich nicht in Polen angewöhnt, sondern aus Deutschland mitgebracht hat. Ebenso ist das Zärtlichkeit ausdrückende Anhängsel „leben" aus dem Neuhochdeutschen verschwunden. Es ist aber keine Erfindung des Jargons, sondern sechshundertjähriges deutsches Erbteil, das im schwäbischen Dialekt zum sonst unverständlichen „le" verschlissen ist. „Mutterleben" und „Mutterte" sind aus demselben Boden entsprosien, doch das Jargonwort ist es, das genau die Züge der Mutter wiedergiebt. Bei der Verschiebung der Vokale im Jargon ist zweierlei zu unterscheiden: Die Verschiebung, die ein Ergebnis besonderer und zufälliger Umstände, und die Verschiebung, die das Ergebnis der sprachgesetzlichen Lautwandlung ist. Die deutschen Juden, die ostwärts ziehen mußten und auch im Osten harte Bedränger fanden, Jahrhunderte arger wirtschaftlicher Not durchmachten, verloren dort die Kenntnis der deutschen Schriftzeichen völlig. Diese Kenntnis war schon vorher bei ihnen nicht Gemeingut gewesen. Daraus darf man nicht den Schluß ziehen, als ob sie weniger gebildet gewesen wären, als die andersgläubigen deutschen Brüder zu jener Zeit. Bei den nichtjüdischen Deutschen war die Kunst des Lesens und Schreibens ungemein selten. Wer diese Kunst halb verstand, war ein ganzer Gelehrter. Hartmann von der Aue, der zu Anfang des 13. Jahrhunderts, also bei Beginn der großen Judenverfolgungen in Deutschland, gestorben ist, sagt in seinem „Armen Heinrich", den er als einen Zeitgenossen besingt:- „Ein Ritter, so gelehret was, daß er in den Büchern las, was darin geschrieben stand." Daß der gelehrte Ritter auch hätte schreiben