Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Sprache und Nationalität
- Date
- 1903-01-01
- Page
- 52 (sequence 9)
- Language
- German
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52 Im deutschen Reich. namentlich unserer Landsgenossen ist es auch, der veranlaßt hat, daß der Jargon die rechte Würdigung noch nicht gefunden hat und fortgesetzt nicht findet, daß sich nicht eifriges Studium einer Quelle zuwendet, die für die deutsche Kulturgeschichte, für die Geschichte der deutschen Sprache und für die Wissenschaft der Sprachvergleichung eine schier unerschöpfliche Fülle lichtbringender Ergebnisse verheißt. Es ist Zeugnis eines geradezu betrüblichen Mangels an historischem Sinn bei unfern Landsgenossen, daß selbst in gebildeten Kreisen die Vergangenheit der deutschen Sprache so ganz und gar unbekannt ist und der erstaunliche Zufall nicht genützt wird, daß ein Zweig der Sprache nach sechshundertjähriger Entfremdung eine sonst verschollene sprachliche Vergangenheit in lebendiger Gegenwart, in gegenwärtigem Leben zeigt. Ich erwähnte vorhin, daß die neuhochdeutsche Sprache im Vergleich zur mittelhochdeutschen sehr verarmt sei, daß sie die Gelenkigkeit verloren habe, die diese besessen, während der Jargon unverkümmert die alten Vorzüge bis auf diesen Tag bewahrt habe. Er hat beispielsweise die Fähigkeit behalten, jedes Zeitwort und jedes Haupiwort durch Anhängen der Silbe „dig" zu einem Eigenschaftswort umzuwandeln, was der Sprache eine ungewöhnliche Sprungkraft verleiht, sie gefügig macht und weitläufige Umschreibung erspart. Sie kennen die Ansdrücke „milch-dig", „fleisch-dig", die vielfach noch heute für rituelle Bezeichnungen geläufig sind, ebenso das Mischwort „Jontef-dig". Weniger vertraut werden Ihnen Ausdrücke sein wie „fohren-dig" zu Wagen, „laufen-dig" oder, um den Jargon-Umlaut nicht zu vernachläjstgen, „läusen-dig" zu Fuß. Im Neuhochdeutschen giebt es nur ein einziges Ueberbleibsel solcher Wortbildung, und das wird falsch ausgesprochen, während der Jargon es richtig betont. Es ist das Wort, das neuhochdeutsch in völliger Verkennung seines Ursprungs und seiner Bedeutung irrigerweise „lebendig" artikulirt wird, während der Jargon zutreffend „leben-dig" oder auch „lsbe-dig" artikuliert Denn es kommt nicht von lebend mit angehängter Silbe „ig", sondern von „leben" mit angehängtem „dig" und bedeutet: Zustand des Lebens. Die ganze neuhochdeutsche Sprache hat kein weiteres Wort mit angehängter Schlußsi!be „dig". Die Worte „inwendig, auswendig, notwendig", haben die Schlußsilbe „ig", während Las „d" zum Stammwort „wenden" gehört, so daß die Bedeutung ist: „nach innen gewendet, nach außen gewendet, durch die Not herbeigewendet." Auch die Schlußsilbe „heit", die dem Begriff des Eigenschafts¬ oder Umstandswortes, dem sie angesügt wird, die Erweiterung des dauernden Zustandes verleiht, ist nach mittelhochdeutschem Muster im