Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Sprache und Nationalität
- Date
- 1903-01-01
- Page
- 51 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2316602-2316701-2316703-2330760--10508-2330891- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sprache und Nationalität. 51 den Weg nach dem Orient gefunden und dort bis auf diesen Tag das Spaniolische als Umgangssprache festgehalten haben, und die Nachkommen der Zum Judentum übergetretenen ChaZaren — für mehr als 9 Millionen Juden, zu denen die galizischen und rumänischen Juden gerechnet sind, ist die deutsche Sprache, die ihre Vorfahren vor 600 Jahren und darüber in die neue Heimat mitgebracht haben, die Muttersprache geblieben. Selbstverständlich ist es die deutsche Sprache von vor 600 Jahren, die sie mitgenommen und erhalten haben, und ebenso selbstverständlich ist es, daß diese ihre mittelhochdeutsche Sprache nicht die gleichen Wandlungen durchgemacht hat, wie in den deutschen Landen, wo sie zur neuhochdeutschen Sprache sich umgestaltete. Solche Gemeinsamkeit der Entwickelung, die nicht einmal in Deutschland selbst vorhanden war, wo vielmehr zahlreiche Dialekte sich sonderten und auch Schriftgeltung erlangten, war in der Entfernung, der staatlichen und gesellschaftlichen Sonderung unmöglich. Das Mittelhochdeutsch der oftländischen Juden wurde zum Dialekt, übrigens zu einem Dialekt von eLhvmologisch ausgezeichneter Feinheit, von einer Schmiegsamkeit und Biegsamkeit, wie sie kein anderer deutscher Dialekt erreicht hat, und um die das Neuhochdeutsche ihn zu beneiden alle Ursache hat. Das Mittelhochdeutsche hat einen wunderbaren Reichtum besessen, der unter den kulturverwüstenden Wirkungen endloser Kriege, zuletzt des dreißigjährigen Krieges, bis auf die Erinnerung selbst verloren gegangen ist, von dem sich im Neuhochdeutschen nur verschollene Spuren finden, die man erst mit Hülfe des Jargons zu deuten und zu erkennen vermag. Der Jargon aber, ein treuer Sohn des Mittelhochdeutschen, hat diesen Reichtum ungeschmälert gepflegt und gewahrt, und ich getraue mich zu sagen, daß von ihm die Wiederbereicherung der hochdeutschen Schriftsprache ausgehen wird. Die deutschen Juden, die vor etwa 600 Jahren den damaligen deutschen Sprachschatz mitgenommen haben, sind sorgsame Verwahrer gewesen, sorgsamere Hüter der köstlichen Muttersprache, als ihre in Rohheit versunkenen Verfolger. Ob man an einem Dialekt Gefällen findet, ist Sache des Geschmacks, der meist von der Gewöhnung geleitet und bestimmt wird. Es ist aber im höchsten Grade unhistorisch, einem Dialekt Berechtigung abzusprechen, weil er dem Ohr fremd klingt oder weil er dem individuellen Geschmack nicht zusagt. Wenn ein Historiker sich das zu Schulden kommen Läßt, so begeht er eine Sünde gegen seine Wissenichaft, die doppelt unverzeihlich wird, wenn sie sich gegen ein historisches Dokument der eigenen Volks- Vergangenheit richtet. Der unhistorische Sinn unserer Zeit und