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Im deutschen Reich · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. 50

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Article
Sprache und Nationalität
Date
1903-01-01
Page
50 (sequence 7)
Language
German
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50 Fm deutschen Reich. Gottes Rache anrufen, es sei denn, daß diese als Ausdruck der Gerechtigkeit sich bewähre — nicht um unseret-, sondern um Gottes Willen, dessen Bekenntnis über die Bekenner Verbannung, Not und Tod gebracht — ist vorzüglich dazu angetan, die Unwahrhasügkeit des Geredes vom „Rachegott" sinnfällig zu wachen. Hier offenbart sich, wie völlig die ganze Glaubensgemeinschaft der Juden damaliger Zeit von dem erhabensten sittlichen Gedanken durchdrungen war, daß es besser sei, Unrecht zu leiden, als Unrecht zu tun, daß das Ziel der gottgewollten sittlichen -Weltordnung nicht die Rache, sondern einzig die Herstellung der Gerechtigkeit sei, daß das Leben hingegeben werden müsse, wenn es sich nicht anders als durch Verletzung der sittlichen Ordnung erhalten lasse. Nicht der Einzelne unter uns, wohl aber unsere Gemeinschaft darf angesichts der angeführten Geschehnisse sagen: Nach diesem Gebot haben wir gehandelt! Der Jargon erschien Treitschke und nicht ihm allein — als eine „verhunzte" Sprache, weil er sie nicht verstand. Sein Urteil hätte gerade wegen seiner teutonischen Begeisterung ganz anders gelautet, hätte er es auf besserer Kenntnis aufgebaur. Da die Unwissenheit immer ein großes Publikum hat, so konnte er auf Zustimmung rechnen, wenn er von der wunderlichen Voraussetzung ausging, daß die über die östliche Grenze zu uns kommenden Juden erst hier die deutsche Sprache erlernt hätten. Freilich hatte er als ein wissenschaftlicher Mann sich nicht begnügen dürfen, spöttische Bemerkungen über den ihm mißbehagenden Tonfall und die fremd klingende Umlautung, über die Einmischung hebräischer und polnischer Worte und Wortreste zu machen. Seine Aufgabe wäre es gewesen, den Ursachen dieser ihm auffallenden Erscheinung nachzugehen. Er hätte dann nicht zu der mehr als seltsamen Ansicht gelangen können, daß die starken Abweichnngen von der neuhochdeutschen Ausdrucksweise gewissermaßen ans dem Eigensinn der Zuzüglinge zu erklären wären. Er mußte sich sagen, daß die polnischen Juden bei jetziger Erlernung der deutschen Sprache keine anderen Fehler machen würden, als sonstige Ausländer auch, daß sie in der deutschen Aussprache den nichtjüdischen Deutschen gleich- oder wenigst.ns rahekommen mußten. Ihnen brauche ich nicht zu sagen, denn Sie wissen, daß die aus dem Osten kommenden Juden die Kenntnis der deutschen Sprache aus den polnischen und russischen Landen mitbrmgen, der deutschen Sprache, wie sie dort von den Juden als Umgangs- und Muttersprache gesprochen wird. Fast für die gelammten Juden des Ostens — ausgenommen sind allein die Nachkommen der weiland spanischen Juden, die über das mittelländische Meer oder über Italien, die Balkanländer und Griechenland

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