Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Sprache und Nationalität
- Date
- 1903-01-01
- Page
- 48 (sequence 5)
- Language
- German
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48 Im deutschen Reich. durch dessen Nachgestaltung Martin Luther den Grund für die heutige deutsche Sprache gelegt hat. Nicht die Erinnerung an die Greuel, die an uns verübt worden, hat uns in dre Fremde begleitet, nicht Zur Anklage, nur Zur herzzerreißenden Klage wurde sie in den „Memorbüchern" der erschlagenen deutschen Judengemeinden; aber die Sprache des Vaterlandes, das so unväterlich an uns gehandelt, die Sprache der deutschen Brüder, die so unbrüderlich mit uns verfahren, nahmen wir in die Verbannung mit, und wir haben sie als Muttersprache gewissenhaft, zärtlich und mit größerer Treue gepflegt, als sie jemals von ihren andern Kindern in fernen Landen genossen. Hätte Dankbarkeit wie in den Herzen der deutschen Juden ebenso unausrottbar in den Herzen der übrigen Söhne Germaniens gewohnt, die Welt hätte eine andere Gestaltung erfahren, auf dem größten Teil der besiedelten Erde wäre die deutsche Sprache das Verständigungsmittel geworden. Diese Erkenntnis ist so manchem nicht zugängig gewesen, der wohl die Fähigkeit besessen hätte, die Wahrheit zu sehen, wenn nicht Vorurteil ihn umgarnte und verblendete. Eine „abscheulich verhunzte Sprache" nennt Treitschke den Jargon. Dieser unheilvolle Mann, der für einen Teil der studierenden Jugend unserer Tage ein wahres Unglück gewesen, der mit blindem Haß alles verfolgte, was er nicht verstand, und deshalb in Haßgesühlen förmlich schlemmen konnte, wußte nichts von der deutschen Juden Leiden und Taten und nahm für eine Verhunzung des Neuhochdeutschen, was in Wahrheit ein historisches Denkmal des Mittelhochdeutschen ist, durch jüdische Treue in unsere Zeit hinein gerettet. Höhnend bemerkt derselbe Treitschke, daß „die deutsche Gaunersprache mit hebräischen Worten überladen" sei. — Auch dieser Hohn war nur auf der Grundlage eines der Erkenntnis sich geflisientlich verschließenden Haffes, einer absichtlichen Verständnislosigkeit möglich. Wer deutsche Geschichte schreibt, sollte eigentlich wissen, wie die deutsche Gaunersprache zur Vermischung mit hebräischen Worten gekommen ist, sollte wissen, daß diese Erscheinung sich herschreibt aus einem schmählichsten Kapitel deutscher Geschichte, da die Juden von der Pfaffengasse am Rhein, von Worms und Speyer und von Erfurt ostwärts über die Landesgrenze verjagt wurden. Viele Hunderttausende flohen damals vor dem Mord und der wütendsten Verfolgung. Von diesen Hunderttausenden wurden, wie natürlich, einzelne in nicht geringer Zahl auf dem gefahrvollen Weg abgesprengt; sie flohen in die wilden Wälder und fristeten ihr Leben als Feinde der Gesellschaft, von der sie ausgestoßen waren, als Diebe und Räuber.