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Im deutschen Reich · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. 47

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Article
Sprache und Nationalität
Date
1903-01-01
Page
47 (sequence 4)
Language
German
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Sprache und Nationalität. 47 nur ungern, wollen gelten lassen. Auch die „lustige Person", die in Deutschland nur mehr ein literarisches Dasein fristet, aus Sprache und Leben verschwunden ist, dauert im „Marschalik" fort, in dem wir den „Schalk" unschwer erkennen. Wenn Taeitus, in heiligem Zorn über die Dekadenz seiner Landsleute, die damaligen Germanen glorifiziert, ihre häuslichen Sitten und Gewohnheiten schildert, tut er auch des Haustrunks Erwähnung. Er sagt von ihnen: „xotum in aliquam vini simiHtudinem corraptnm bibunt, quod Met vocanfc“. „Sie schlucken ein zu einer gewissen Weinähnlichkeit verderbtes Getränk, das sie Met nennen." Man muß zu unfern Glaubensgenossen nach dem Osten gehen, um den Met wiederzufinden, der sich aus Deutschland verloren hat, ohne daß übrigens der Durst sich verloren hätte. Doch von der Uebernahme von Volksgebräuchen und deren allmählicher völliger Charakteränderung soll heute an dieser Stelle nicht die Rede sein, sondern nur vom Jargon. Sie wollen sich mit mir die Mühe geben, an die Entstehung dieses Dialekts und an feine Bedeutung zu denken, die über die Bedeutung jedes anderen deutschen Dialekts hinausragt, und der ein Zeugnis ist für die rührende und unvergleichliche Treue, die der deutsche Jude der deutschen Sprache gewahrt hat. Man hat oft von der Dankbarkeit als von einer spezifisch jüdischen Tugend gesprochen. Der Jargon ist ein Beweis für ihr Vorhandensein, er ist das in vielen Lausend Zungen redende Monument einer Dankbarkeit, die den Ausgleich der Dankesrechnung lange Jahrhunderte überdauert hat. Dankbarkeit ist die anerkennende Erinnerung an genossene Wohltat. Wir deutschen Juden haben in Deutschland Wohltaten genossen — nicht heute und gestern, sondern vor langen Jahrhunderten, während der ersten Hälfte des Mittelalters, dessen schlimme Ausläufer sich noch in unsere Tage erstrecken — wir haben diese Wohltaten in. fleißiger Regsamkeit, durch fördernden Anteil an aller Kulturarbeit vergolten, deren ethische Grundlage erst durch uns der abendländischen Welt geschenkt worden war, und anerkennende Erinnerung ist nicht aus unseren Herzen gewichen, auch nachdem die Wohltat ausgehort und andauernder Verfolgung von einer Grausamkeit Platz gemacht hatte, die selbst Chmielnickrs verwüstendes Barbarentum nicht zu überbieten vermochte. Unter Greueln, die die Menschheit schänden, sind unsere Vorfahren aus dem deutschen Lande vertrieben worden, dessen Sprache sie hatten feilen und bilden helfen und der sie, noch drei Jahrhunderte nach dem Beginn der Verjagung, in den heiligen Schriften das Vorbild gaben,

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