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Im deutschen Reich · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. 46

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Article
Sprache und Nationalität
Date
1903-01-01
Page
46 (sequence 3)
Language
German
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46 Im deutschen Reich. älter, als die deutsche Nation selbst, er hat den Gedanken der deutschen Nation und sogar die deutsche Nation bilden helfen. Von diesem Standpunkt aus will ich Ihnen vom Jargon erzählen, den Sie alle mehr oder weniger kennen und verstehen, der gewiß manchem unter Ihnen vertraut ist, mehr vielleicht als mir selbst. Und doch glaube ich, daß ich Ihnen den Jargon in einem neuen Licht werde zeigen können. Wenn dieses Licht ihn verschönt, so rührt die Schönbeit nicht von einer aufgetragenen Schminke her, von täuschendem kosmetischen Anstrich, sondern Ihr Auge ist es, das im helleren Licht besser sehen lernt, wahrend es bisher, durch Gewöhnung abgestumpft, einem unfreundlichen Urteil sich gefügt hatte. Ich will Ihnen den Jargon Zeigen als einen vollberechtigten deutschen Dialekt nicht blos, sondern als den verbreitetsten und zugleich interessantesten und ausgezeichnetsten deutschen Dialekt. Eigenes Nachdenken wird Sie dann Zu der Erkenntnis führen, die in mir Zur festen Ueberzeugung geworden, daß wie in sprachlicher Hinsicht so auch hinsichtlich zahlreicher jüdischer Volksgebräuche, denen wir religiösen Ursprung zuschreiben, Vorbild und Quelle im Deutschtum zu finden ist. Einer unserer Halbseiertage, das Purimfest, weift in seiner äußerlichen Gestaltung aus eine viele Jahrhunderte zurückreichende Assimilierung hin, auf den Fasching mit seinem Mummenschanz und seinen Scherzspielen. Sogar die Hamanfigur — Figur im buchstäblichsten Sinn — wie sie in den Purimspielen namentlich früherer Zeit hervortrat, zeigt eine merkwürdige und aus den kundigen Beobachter tragikomisch wirkende Verwandtschaft mit einer anderen Spottfigur, deren öffentliche Produzierung für unsere Glaubensgenossen oft genug nichts weniger als harmlos gewesen ist. Unser zweiter Halbseiertag, das Chanukka-Fest, hat das-umgekehrte Schicksal gehabt: er ist nach Name, Datum und mancher charakteristischen Aeußerlichkeit das Vorbild für die spezifisch deutsche Feier des hier für spezifisch christlich geltenden Festes geworden. Weihefest und Weihnachtsfest beginnen beide am 25. des 10. Monats; die achttägige Dauer des einen hat sich bei dem andern — in der sonst nur bei uns Juden üblichen Hervorhebung des achten Tages — erhalten; der abendliche Anfang der Feier, bei uns die Regel, ist hier als Ausnahme auch von der anderen Seite zugelassen; und der Liäterglanz hat sich vom Leuchter nur auf den Baum übertragen. Daß man dem Weihnachtsbaum, der wenig über hundert Jahre alt ist, einen bis hinter die Tage Hermanns des Cheruskers reifenden Stammbaum hat geben wollen, gehört zu den anmutigeren unter den Scherzen, die das Himmelreich der Offenbarung als ein etwas stilwidrig ausgeflattetes Walhall, und selbst das

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