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Im deutschen Reich · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. 45

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
9 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Article
Sprache und Nationalität
Date
1903-01-01
Page
45 (sequence 2)
Language
German
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Sprache und Nationalität- 45 der vorgefaßten Meinung dessen, der die Begriffsbestimmung versucht, und dessen Forschen keineswegs immer voraussetzungslos ist, sondern weil die Nationalitäten selbst nicht etwas Absolutes, Bleibendes. Unveränderliches, vielmehr in stetem Fluß befindlich sind. Ich glaube beinahe, daß ein Moment sehr wesentlich ist, das man bisher nicht als bedeutungsvoll hat gelten lassen: das ist der Wille. Zwar ist der Wille nicht im Stande, den Neger zum Kaukasier zu machen; doch innerhalb gewisser Grenzen ist der Wille oder der Nichtwille für die nationale Zugehörigkeit entscheidend. Der nationale Gedanke ist überhaupt verhältnismäßig jung. Diese Tatsache' kann dadurch nicht geändert werden, daß so manche engere oder weitere Gemeinschaft — dem Mugeadelten oder manchem amerikanischen Multimillionär vergleichbar — sich nachträglich einen Stammbaum anfertigen läßt, der mit inbrünstigem Glauben verehrt wird, obwohl er nicht gewachsen, sondern ein Artefakt ist. Auch hier hat der Wille mitgewirkt, der Wille hat den Glauben geschaffen, und der Glaube wirkt Wunder. Neun Zehnteile derer, die auf ihr Germanentum stolz sind, könnten, jeder einzelne, die nötige Intelligenz und Beobachtungsgabe vorausgesetzt, in einer Denkschrift offenbaren: „Wie ich Germane wurde." Millionen hat Houston Stewart Chamberlain zu Germanen „ernannt." Manchem von den eifrigsten Wahlgermanen könnte es begegnen, daß in Walhall der Cherusker Hermann vergeblich suchte, „im Enkel die einstmals geliebten, stumm redenden Züge des Ahnherrn .zu sehn", und ihn befremdet anredete: „Lieber Mann, sag, was thust du hier? Willst du bei den Germanen ernkehren, so mußt du dich wenden!"' In den deutschen Juden ist der Wille der Zugehörigkeit zur deutschen Nation in einer Zeit lebendig gewesen, da die meisten Vorfahren der jetzigen Deutschen von einer Nation überhaupt nichts wußten und von der deutschen Nation gewiß nichts Härten wiffen mögen. Den Beweis hierfür finde ich in dem Verhalten der deutschen Juden der deutschen Sprache gegenüber. Freilich macht die Sprache allein die Nationalität noch nicht aus, aber es ist doch unstreitig, daß die Sprache zur Bildung des Nationalitätsgefühls in hervorragendem Maße beitragen kann, schon weil sie der vornehmste Mittler für Gemeinsamkeit der Vorstellungen und Anschauungen, der geistigen Bildung und der Bildung des Gefühls ist. Wenn nun die deutschen Juden nicht blos während ihres Aufenthalts in deutschen Landen die deutsche Sprache angenommen, sondern in anderssprachigen Landen sie sestgehalten, gepflegt und weitergebildet haben, so meine.ich, ist der Wille der Zugehörigkeit der deutschen Juden zur deutschen Nationalität jedem Zweifel entrückt. Und dieser Wrlle ist, so paradox es klingt, beinahe

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