Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens am Schlusse des ersten Jahrzehnts
- Date
- 1903-01-01
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Der Central-Verem re. Würden sind. Das alles ließ sich unschwer veraussehen, wurde aber dennoch lange Zeit hindurch von den Meisten unterschätzt. Als 1879 durch ganz Deutschland eine Petition kolportiert wurde, welche die Einschränkung der Einwanderung ausländischer Juden, den Ausschluß der Juden von allen obrigkeitlichen Stellungen, die Beschränkung der Verwendung im Justizdienste, die Anstellung nur von christlichen Lehrern in der Volksschule verlangte, erließen allerdings Zahlreiche, hervorragende christliche Männer aus den verschiedensten Parteien und Berufszweigen einen gemeinsamen Protest gegen eine derartige antisemitische Agitation. Bald darauf, am 20. November 1880, erklärte der Vizepräsident des preußischen Staatsministeriums, Gras Stolöerg, im Abgeordnetenhause, daß die Regierung keine Aenderung des bestehenden Recbtszustandes (der Gleichberechtigung der religiösen Bekenntnisse in staatsbürgerlicher Beziehung) eintrcten Zu lassen beabsichtige — daraufhin hielten viele deutsche Juden die Gefahr für vollständig beseitigt. Nicht alle gaben sich dem Gefühl der Sicherheit hin, das besonders gefährlich ist, wenn das Feuer unter der Asche sortglimmt und es nur eines Windstoßes bedarf, um es wieder emporlodern zu lassen. Auf Anregung des Verfassers der „Jüdischen Ethik", des Geh. Regierungsrats Professor Dr. Moritz Lazarus bildete sich am 1. Dezember 1880 das sogenannte Dezember-Komitee, dem viele hervorragende Mitglieder der Berliner jüdischen Gemeinde angehörten: Berthold Auerbach, Stadtverordneten-Dorsteher Straßmann, Reichstagsabgeordneter Ludwig Loewe, Professor Mendel, Geh. Rat Kristeller, Professor Steinthal, Professor Hirschberg, Julius Bleichröder, Geh. Rat Lachmann u. a. nt. Die Tätigkeit dieses Komitees war aber in der Hauptsache eine nichtöffentliche; nur in den ersten Monaten seines Bestehens veranstaltete das Komitee einige öffentliche Versammlungen, bald aber ließ die gesamte Betätigung der Vereinigung nach, weil in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre der Antisemitismus von der Oberfläche nahezu verschwunden schien, und man es für taktisch richtig hielt, ihm keinen Anlaß zu geben, sich wieder hervorzuwagen. Wie sich erwarten ließ, bedurfte es aber dazu keiner jüdischen Anregung; sie ^m von selbst dadurch, daß die Konservativen in dem Antisemitismus den willfährigen Knappen erkannten, der ihnen für geringen Lohn bei der Wiedererlangung ihrer verjährten mittelalterlichen Vorrechte hilfreiche Hand zu reichen bereit war. Das entschieden Ontisemitische Tivoli- Programm der Konservativen scheuchte die-Juden aus ihrer Ruhe empor, die nun auf erneute Abwehr Zu sinnen für dringend nötig hielten. Es trat eine Anzahl angesehener Mitglieder der Berliner