Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 9 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens am Schlusse des ersten Jahrzehnts
- Date
- 1903-01-01
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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<vm deutschen Reich. Stolzes: liegt doch vor uns in noch ungemessener Hohe, umstrahlt vom Lichte sonniger Aufklärung, das hehre Ziel jener Gleichberechtigung, die nicht nur ein Blatt Papier bleiben darf, sondern zur Wahrheit und zur Bürgschaft für unsere unveräußerlichen Menschenrechte werden soll. Aufwärts geht unser Weg, durch Nacht zum Tage, durch trübe Wolken zur Klarheit und Wahrheit, ohne Zagen und Mißmut; wissen wir doch, daß jedes Recht erkämpft sein will, daß der Preis unserer Arbeit aller Kraft und Mühe wert ist. Was uns bekümmert, ist der Gedanke, daß wir zu spät aufgebrochen sind aus täuschender Ruhe, daß wir nicht früher dort angelangt sind, wo wir jetzt stehen, daß der Central - Verein sein zehnjähriges Bestehen erst in einer Zeit feiern kann, in der die Feinde des Judentums und der Juden bereits in der Lage sind, auf ein Vierteljahrhundert zurückzublicken, in dem sie das Möglichste geleistet haben, um jene mittelalterlichen Schranken wieder aufzubauen, die uns von unfern andersgläubigen Mitbürgern trennen. Nicht Trägheit oder Feigheit war es, wenn die deutschen Juden fünfzehn Jahre zögerten, sich zur Verteidigung dieser Güter aufzuraffen und zusammenznscharen, sondern das weitgehendste Vertrauen auf den gesunden Sinn der Mehrheit des deutschen Volkes, von dem man Liefen Abscheu gegen eine durchaus kulturfeindliche Bewegung zu erwarten berechtigt war. Dabei vergaß man die uralte traurige Wahrheit, daß es gewissenlosen Hetzern leicht ist, Anhang zu gewinnen, wenn sie die niedrigsten Instinkte der Massen, Ueberhebung, Haß, Argwohn und Neid, wachzurufen verstehen. Das durch die kriegerischen Erfolge gesteigerte Nationalitätsgefühl und die Enttäuschung über das Ausbleiben der erwarteten glänzenden wirtschaftlichen Verhältnisse begünstigten nur zu sthr die Pläne derjenigen, welche sich als VolksreLLer aufzuspielen wußten und es dahin gebracht haben, lange Jahre hindurch eine bedeutende Rolle zu spielen, bis die Bewegung ihnen selbst über den Kopf wuchs und sie bei Seite drängte. Schon heute sind Männer wie Henrici und von Blankenburg so gut wie vergessen, und selbst der vielgenannte angebliche ..Vater des Antisemitismus", Adolf Stöcker, wird in weiten, einflußreichen nichtjüdischeu Kreisen beständig als toter Mann bezeichnet. Die Drachensaat, welche Ende, der siebziger Jahre ausgestreut wurde, wirkt aber leider fort, und schlimmer noch als der damals wachgerufene religiöse Fanatismus wirkt in der Neuzeit der Umstand, daß jene Jünglinge, welche von der blendenden Beredsamkeit eines Treitfchke angezogen, den angeblichen „wissenschaftlichen Antisemitismus" fürechtes Gold nahmen, jetzt Männer von Einfluß und in Amt und