Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1902)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1902-12-01
- Page
- 710 (sequence 7)
- Language
- German
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710 Im deutschen Reich. demokratischen Fraktion gebe es im deutschen Reichstage jetzt keine Juden; hoffentlich werde sich dies künftig ändern. In den Einzellandtagen fei in dieser Beziehung eine Wendung zum Bessern zu konstatieren; denn im preußischen Abgeordnetenhause hätten bereits drei Juden Sitz und Stimme; in den anhaltischen Landtag sei neuerdings Rechtsanwalt Cohn aus Dessau, in den hessischen erfreulicher Weise der Vertrauensmann des Centralvereins, Fabrikbesitzer W. Langenbach in Darmstadt, gewählt worden. Der Versuch der Münchener Antisemiten, mittelst einer unter der Beihilfe österreichischer Gesinnungsgenossen betriebenen wüsten Agitation Eingang in das Rathaus der bayerischen Hauptstadt zu erlangen, sei kläglich gescheitert. Immerhin empfehle es sich, überall in Deutschland vor antisemitischen Ueberrumpelungen auf der Hut Zu sein. Wenn nicht auch im deutschen Reiche die Verwaltung vielfach die Gleichberechtigung verkümmerte, aus die wir nach Gesetz und Verfassung Anspruch haben, dann hätte Deutschland auch Anlaß gehabt, als hervorragendste Signatarmacht des Berliner Vertrages dem rumänischen Staate im Sinne der amerikanischen Menschlichkeitsnote Vorhalte zu machen. Dies sei vielleicht nur deshalh unterblieben, weil bei uns vielfach auf Umwegen dasselbe geschieht, was in Rumänien zum Nachtheil unserer dortigen bedauernswerten Glaubensgenossen fortwährend offen ausgeübt werde. Daß ein Jude in Berlin Ober-Bürgermeister werden könne, sei ja heut zu Tage undenkbar; in England aber habe man kein Bedenken getragen, einen Juden Zum Lord-Mayor von London zu machen und so in eine Stellung zu bringen, die cs ihm ermöglichte, durch den Ausschluß des rumänischen Gesandten von dem offiziellen Festmahl in der Guildhall der Entrüstung über die rumänische Verhöhnung des Berliner Vertrages einen von keinem Diplomaten einer anderen europäischen Macht gemißbilligten Ausdruck zu verleihen. Als eine ähnliche zeitgemäße Kundgebung sei die vor unserm Kaiser und dem König von England in der Kirche von Sandringham von dem Bischof von Ripon gehaltene Predigt zu betrachten, deren Inhalt sich mit großer Entschiedenheit gegen die jetzt so vielfach verfochtene .Raffentheorie" richtete und in der Ermahnung zu einer „brüderlichen Gemeinschaft aller Menschen" gipfelte. Wenn solche Gesinnungen weite Verbreitung fänden, und man allerseits sich dem Gedanken erschlösse, daß jeder Mensch ein Recht hat, nicht nach seiner Abstammung, sondern nach seinem eigenen Werthe eingeschätzt zu werten, dann würde die Zeit nahe sein, in dem der Central-Verein kein Stiftungsfest mehr begehen, sondern seine dann nicht mehr erforderliche Thätigkeit einstellen könnte. Mit dem Ausdruck der Hoffnung,