Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1902)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1902-12-01
- Page
- 706 (sequence 3)
- Language
- German
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706 Im deutschen Reich. verheißene und feierlich verbriefte vollständige Gleichberechtigung, welche zur Zeit nur auf dem Papier stehe, zu einer unantastbaren Wahrheit werde. Dies werde schließlich doch erreicht werden durch Eintracht, edle Selbstzucht, Selbstvertrauen und Takt, durch jene würdige Selbstemancipation, welche die moralische Tüchtigkeit der deutschen Juden ins heüste Licht sehen und dazu führen werde, daß die schlimmsten Feinde derselben sich in die dunklen Schlupfwinkel zurückziehen, in die sie gehören. — Der Redner wurde am Schlüsse seines Vortrags mit lebhaftem Beifall belohnt. Der Vorsitzende drückte ihm fiir seine gehaltreichen Ausführungen den Dank des Vorstands aus. Belehrend und Zugleich trostreich seien diese Ausführungen gewesen, denn man habe denselben entnehmen können, daß wenn auch vieles noch unerreicht sei, was wir erhoffen und erstreben, dennoch das Erreichte weit über das hinausgehe, was unsere Altvordern je erhofft hatten. Trostreich seien diese Darlegungen gewesen, weil sie die Ueberzeugung gestärkt hätten, daß die befferen Elemente des deutschen Volkes Gerechtigkeit gegen uns üben müssen, um sich selbst treu zu bleiben. Wir aber verlangen nicht mehr, werden uns aber nicht damit absinden lassen, daß eine handvoll bevorzugter Glaubens* genoffen bei Anstellungen berücksichtigt werden. Daß uns keine besondere Gunst erwiesen wird, werden wir ertragen und uns daran gewöhnen, den strengsten Maßstab an uns selbst zu legen und mehr leisten zu müssen als Andere, um nur gleiches Recht mit diesen zu erlangen. Solidaritätsgefühl, Bescheidenheit, kluge Reserve und sorgsame Erziehung unserer Kinder werden uns bei allen Beffergesinnten schon Achtung verschaffen. Bei den Antisemiten, bei denen alles „Geschäft" sei, werde es freilich nichts helfen, auch wenn die Juden wie die Engel leben würden. Da aber die Selbstzucht übenden Juden ihnen nicht hinreichenden Stoff zu Angriffen bieten, reiben die Ansemiten sich an den christlichen Behörden, um ihrer Sucht nach Sensation zu fröhnen, und sie schonen selbst die höchste Stelle nicht, wenn von dort aus Dinge veranlaßt werden, die ihr trauriges Geschäft nicht fördern. Ihnen gilt stets die Devise „Und der König absolut, wenn er uns den Willen thut!" In denselben antisemitischen Versammlungen, die mit einem Hoch auf den Landesherrn eröffnet und mit dem Liede eines einst wegen seines Freisinns verbannten judenfreundlichen Dichters geschlossen werden, gehe es niemals ohne maliciöse Klagen über „nicht-volksthümliches Regiment", über angebliche „Engländerei" u. dergl. m. ab. Daß eine immerhin ansehnliche Menge sich von Leuten, wie Böckler, Bötticher, Ludwig Werner. Ahlwardt, Pückler, Krösell u. a. m. beeinflussen lasse, sei bei weitem nicht so traurig