Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1902-12-01 · Heft 12 (Dezember 1902) · p. 705

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 12 (Dezember 1902)
Article
[Ohne Titel]
Date
1902-12-01
Page
705 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2316602-2316689-2316700--10385-2330693
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Dereinsuachrichten 705 würdig und zielbewußt führe. Nach einer Schilderung der Verirrungen, welche religiöse VorurLheile und eine wissenschaftlich völlig unhaltbare, aber durch gewandte Phrasenhelden weitverbreitete Rassentheorie in vielen Köpfen noch jetzt anricbten, gab der Redner einen kurzen Abriß der gesummten Leidensgeschichte der jüdischen Religionsgesellschaft in Deutschland, einen historischen Rückblick, aus welchem die Berechtigung der Hoffnung auf ein allmähliches Verschwinden der religiösen Vorurtheile und der Rassenhetze sich deutlich ergab. Die mittelalterliche Rohheit, welche den Juden so herabdrückte, daß er fast nur als eine Sache und nicht als Mensch galt, habe bis zum 18. Jahrhundert nachgewirkt, aber seitdem hätte der geistige Fortschritt in Deutschland mit Nothwendigkeit zur Anerkennung der Gleichberechtigung der Juden geführt. Was Lessing in seinem Lustspiel „Die Juden", in seinem Meisterwerke „Nathan", was Goethe in seiner Würdigung des „Nathan" für Kunst und Leben, was Herder in seinen „Ideen zur Geschichte der Menschheit" und in der Schrift „Zur Philosophie der Geschichte" und was Klopstock in seiner Ode an Joseph II. das deutsche Volk gelehrt, habe nachhaltig wirken müssen, und kaum minder habe Christian Wilhelm Dohm's Schrift über die „bürgerliche Verbesserung der Juden" sich bahnbrechend erwiesen. Schon im Preußischen Landrecht vom Jahre 1794 seien Glaubens- und Gewissensfreiheit zugesichert werden, aber erst im März des Jahres 1812 hätten die preußischen Juden, die bis dahin nur „Schutzjuden" gewesen, sich in „preußische Staatsbürger" verwandelt. Immer wieder stemmte man sich jedoch dem Kulturfortschritt entgegen; noch im Jahre 1833 tauchte der von Jost mannhaft und erfolgreich bekämpfte Streckfuß'sche Plan einer klassenweisen Eintheilung der Juden auf (Bevorzugung einiger wenigen „Impressionisten" und mittelallerliche Behandlung der übrigen Juden). Größerem habe dann Gabriel Rießer geleistet, der als Dice- Präsident der Nationalversammlung und als Herausgeber der Zeitschrift „Der Jude" sich zugleich als deutscher Pattiot und als der bedeutendste Vorkämpfer der Emancipation erwiesen habe. Diese sei heule noch ein unvollendetes Gebäude, fertig in d^r Theorie, aber in der Praxis nicht ausgcführt. Das vom ersten preußischen Vereinigten Landtage berathene und beschloffene Judengesetz vom 23. Juli 1847, welches heute noch Gesetzeskraft besitze, sei entschieden in vielen Punkten verbefferungsbedürftig, aber wann diese Reformen möglich sein würden, das stehe in den Sternen. Daraus ergebe sich die Nothweudigkeit einer Zusammenfassung der deutschen Juden im Central- Vereine zu dem Zwecke, es endlich zu erreichen, daß die in der Verfaffung und im Bundes- und Reichsgesetze vom 3. Juli 1869

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.