Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-12-01
- Page
- 683 (sequence 10)
- Language
- German
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Umschau. 683 gleichgesinnten konservativen und agrarischen Hintermänner ihren Grimm über die Behandlung des Zolltarifs bei jeder Gelegenheit an den Juden auslassen. Dabei gefallen sie sich selbst in Rollen, die besser auf die Bühne des Herrnfeld-Theaters als in das deutsche Parlament passen; hinterher aber jammern sie kläglich, daß die von ihnen Verhöhnten es seien, welche das Bildungsniveau der Volksvertretung herabdrücken. Roch hat kein Gegner des Zolltarifs sich soweit erniedrigt wie jener Agrarier, der im Cirkus Busch die an Götz von Berlichingen erinnernde Einladung an die Minister richtete, noch hat kein jüdischer oder von Juden stammender deutscher Volksvertreter so randaliert wie die antisemitischen Koryphäen dies in den österreichischen Landtagen beständig zu thun pflegen. Jenseits der schwarzgelben Grenzpfähle liegen sich jetzt die judenfeindlichen Parteien in den Haaren; dabei zeigt sich eine beispiellose Verrohung, die doch gewiß niemand auf jüdische Einflüsse zurückführen wird, eine Skandalsucht, die in dem Ehrenbeleidigungs-Prozeß Wolfs gegen Schalk einen unglaublichen Schmutz aufwirbelt, der auf beide streitende Theile zurückfäüt, ohne einen einzigen Juden zu treffen. Das deutsche Volk braucht nur dorthin zu blicken, um zu ersehen, welches Glück ihm erblühen würde, wenn die „Luegerei" nach österreichischem Vorbild bei uns au das Ruder käme. Der Versuch der bayerischen Antisemiten, auf den Krücken Luegers und Ernst Schneiders in das Münchener Rathhaus zu kommen, ist kläglich mißglückt. Trotz der von den beiden österreichischen Antisemiten nach München entsandten Ermnthigungs-Telegramme entfielen bei den Gemeinderathswahlen der bayerischen Hauptstadt am l. Dezember von etwa 21 000 Stimmen für die Liberalen 7600, für die Ultramontanen gegen 7500, für die Sozialdemokraten gegen 5000, für die Antisemiten noch nicht 1000 Stimmen, so daß die liberale Mehrheit in der Verwaltung Münchens erhalten bleibt. Wenn auch in Oesterreich vorher die Antisemiten auf allen Linien gesiegt hatten, so reizten die dadurch geschaffenen Zustände doch kaum zur Nachahmung; selbst die österreichische Regierung, die sich mit Hilfe der Ehristlichsozialen der Sozialdemokratie erwehrt, sträubt sich jener den dafür verlangten Lohn zu zahlen: die Ernennung des Prinzen Aloys Liechtenstein zum Landmarfchall von Rieder-Oesterreich. Für ein solches Ehrenamt scheint der Prinz doch nicht geeignet, welcher den exaltierten Antisemiten Ernst Schneider bei der Verbreitung des Märchens unterstützte, der völlig vörurtheilslose Staatsmann Graf Andraffy, dessen Hinterlassene in seinem Sinne sich heute noch als Wohlthäter armer Juden erweisen, habe selbst an das Vorkommen von Ritnalmorden geglaubt. Der Bruderkrieg inner-