Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-12-01
- Page
- 682 (sequence 9)
- Language
- German
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682 Zm Deutschen Reich. ringsten Anhalt den Behörden gegenüber" in bedenklichster Weise verdächtigt, sondern auch sonst im „Denunzieren" eine wahre Meisterschaft bewiesen hat, läßt sich kaum etwas anderes erwarten. Wenn aber Herr Rechtsanwalt Ullrich in seiner Verteidigungsrede ohne zurechtgewiesen Zu werden, es wagen darf, ohne den geringsten Anhalt für eine solche kränkende Beschuldigung, es als garnicht unwahrscheinlich hinzustellen, daß Juden Meuchelmörder dingen, um einen Pückler zu beseitigen, kann solche Aufreizung ebenso verhängnisvoll wirken wie die von höchster Stelle als Tropfen Gift bezeichnete Verleumdung Krupps. Selbst das tiefbedauerliche Ende des großen Esiener Industriellen ist von den Antisemiten als Agitationsmittel wider die Juden benutzt worden, trotzdem dafür in diesem Falle kein anderer Anlaß vorlag, als daß ein oder zwei Juden zu den Führern der Sozialdemokratie gerechnet werden, während die übrigen als Juden betrachteten Angehörigen dieser Partei sämmtlich aus dem Judenthum ausgeschieden sind. Dasselbe Spiel wiederholt sich bei der Obstruktion im deutschen Reichstage, die nicht nur von den radikalen Antisemiten, sondern auch von der konservativen „Kreuz-Zeitung" und der ultramontanen „Germania" nie aus ihre richtige Ursache, sondern — weil Singer und Stadthagen gegen den Zolltarif reden — nur darauf zurückgeführt wird, daß sich „der Judengeist in der Sozialdemokratie eingenistet hat." Ein Hamburger Organ, das „Deutsche Blatt", brachte bei dem Hinfcheiden Krupps einzelne treffliche Sätze, die leider von den Gesinnungsgenoffeu jenes Blattes und auch von diesem selbst kaum beherzigt werden, wenn sie sich über Juden und Judenthum äußern: „Der Dolch ist ein veraltetes Instrument, es giebt bessere: die spitze Feder und die spitze Zunge. Sie wirken in unsern aufgeregten Tagen der Herzschläge — jeden Augenblick fast stirbt eine bekannte Persönlichkeit an einem Herzleiden — ebenso sicher und werden viel billiger bestraft. Drum hüte deine Zunge wohl! Leicht ist ein böses Wort gesagt. — Alle die im politischen Streite stehen, sollten auf Freiligraths Wort hören. Aber nicht alle thun es. Sie sollten überhaupt die Person nach Möglichkeit aus dem Gefecht lassen. Was hat die Person mit ihren mehr oder weniger menschlichen Eigenschaften im Streite der Meinungen, der Anschauungen über ein Ding zu thun?" Das sollten die judenfeindlichen Blätter auch den Juden gegenüber beherzigen, aber gar zu oft versagen bei den Antisemiten moralische Anwandlungen. Die stürmischen Scenen im deutschen Reichstage werden nur dadurch in Beziehung zu der sogenannten Judenfrage gebracht, daß der'antisemitische Abg. Liebermann von Sonnenberg und seine ihm