Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-12-01
- Page
- 677 (sequence 4)
- Language
- German
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Umschau. 677 mit tönenden Phrasen wieder Lehren verbreitetedie sicher mit den Begriffen einer geläuterten Religion und Ethik unvereinbar sind und auch mit den sich täglich mehrenden Errungenschaften echter Wissenschaft im schroffsten Widerspruch stehen! Wer Augen zu sehen und Ohren zu hören Haff den müssen Einzelheiten aus den letzten Staatsbürger-Zeitungs- und Pückler- Prozessen belehrt haben, daß vieles anders werden muß, um den kaiserlichen Worten in der Görlitzer Ruhmeshalle irgendwie zu entsprechen. Vielleicht waren diese Worte der Nachhall jener tiefempfundenen Predigt, in welcher der englische Bischof von Ripon kürzlich vor Kaiser Wilhelm und König Eduard der Hoffnung auf eine Zeit Ausdruck gab, in welcher alle Rassenunterschiede schwinden und die Menschheit eine einzige brüderliche Gemeinschaft bilden würde. Das war auch ein Wort zur rechten Zeit, denn die beredten Propheten, welche durch ihre falsche Rassenlehre den niedrigen Instinkten des NassenundKlassenhaffes den Schein wissenschaftlicher Berechtigung verschafften, haben unübersehbare Verwüstungen angerichtet. Den Verkündern der neuen Rassenlehre: Gobineau, Driesmann, Houston Steward Chamberlain u. a. m. ist die Erhaltung der phvsischen Grundlagen das Höchste und Heiligste; diese stehen ihnen höher als die Humanität und Religion. Dabei wird ganz offen zugegeben, daß Duldsamkeit von dem Rassenstandpunkt ans ein überwundener Standpunkt ist und das religiöse Ideal einer Verbrüderung der Menschen nur als etwas Unmögliches, etwas Widersinniges gelten kann. In späteren Zeiten wird man erst darüber vollständig klar werden, wie sehr Nietzsches „Uebermenschenthum" und Ehamberlains schwungvolle Verherrlichung des Raffendünkels in unserer Zeit die von der politischen Reaktion erzeugten Nebel verschlimmert haben, indem sie ihnen ein wissenschaftliches Relief verschafften. Wir sehen schon die Folgen der durch ungesunde Theorien gestützten falschen Praxis: die maßloseste Ueberhebung auf der einen Seite, charakterlose Unterwürfigkeit auf der andern, das Prunken mit religiösen Redensarten und loyalen Versicherungen bei grenzenloser Verachtung von Ordnung und Gesetz, Sitte und Menschlichkeit. Wir sehen ein rücksichtsloses Jagen nach Gewinn und Genuß bei gleichzeitiger Verleumdung weiter Kreise von betriebsamen Erwerbenden, Ueberschätzung körperlicher Leistungen bei sinnloser Vergeudung der eigenen Kräfte und Verlotterung vieler, den gebildeten Kreisen Angehörenden im Alkohol-Marasmus. Das Schlimmste aber ist wohl die erschreckende Zunahme tiefer Unzufriedenheit in Schichten der Gesellschaft, die bisher zufrieden waren und Grund hatten, zufrieden zu sein!