Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1902)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1902-12-01
- Page
- 676 (sequence 3)
- Language
- German
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676 Im deutschen Reich. Hauptschuld an der Nichterfüllung der bäuerlichen Forderungen trage die politische Leitung des Reiches; die Schuld liege oben, nicht unten am Volke. Die weiteren Ausführungen des Redners waren derartig beschaffen, daß der anwesende Vertreter des „Bundes der Landwirthe," Abg. Dr. Hahn, sich gedrungen fühlte, dagegen zu protestieren. Memminger erwiderte mit einer noch heftigeren Kritik der Reichsregierung und setzte dann hinzu: „Wir halten es auch nicht mit jener falschen Parteipolitik, welche die Wirthschaftspolitik der Negierung aufs Messer bekämpft und dann im Handumdrehen mit einem demüthigen Blick nach oben winselt: O ihr lieben Herren, wir verehren euch bis in die Knochen, nehmt uns nichts übel, es war nicht so bös gemeint! (Lachen und Beifall). Vor einer solchen Politik der Phrase können die Regierer keinen Respekt haben, und darum richtet sie auch so wenig aus.- Hierauf rief Dr. Hahn: „Das ist zu arg, das können wir nicht mehr anhören, wir gehen!" und verließ mit dem konservativen Abg. Bcckh den Saal. So sind die loyalen Gesinnungen beschaffen, welche durch die konservative Jnteressen-Politik großgezogen wurden, Gesinnungen, die weit mehr verbreitet sind, als Zugegeben wird, und die nur einmal unter den fränkischen Bauern laut wurden, weil diese in ihrer brüsken Offenheit aus ihrem Herzen nie eine Mördergrube zu machen pflegen. Im Grunde sind diese Leute gar nicht antimonarchischer als die von Memminger richtig charakterisierten, hochgestellren Politiker, deren Verhalten die Losung regelt: „Und der König 'absolut, wenn er uns den Willen thut!" Mit solchen eigennützigen Stützen ist aber doch kein erfolgreiches Regiment möglich! Nothgedrungen wird die Staatsleilung mit der Zeit ihre Stützen bei den neuen Kräften suchen müssen, bei einem Geschlechte, das seine Zeit versteht, weil es verkehrt wäre, neuen Wein in alte Schläuche zu gießen! Die Reaktionszeit hat die schönste Hoffnung der deutschen Juden vernichtet, ihre besten Kräfte in den Dienst des Vaterlandes stellen, auf allen Kulturgebieten Mitarbeiten, für treue bürgerliche Pflichterfüllung dieselben Rechte wie alle andersgläubigen Mitbürger genießen zu dürfen. Weit Schlimmeres hat aber diese Zeit allen Bürgern zugesügt, indem sie den Rassendünkel, einen undentschen Chauvinismus, eine wilde Stellenjägerei, eine Mißachtung der durch gesundes Streben und emsigen Gewerbefleiß zu erringenden Unabhängigkeit großzog, indem sie aufs neue mittelalterliche Anschauungen auffnschte, aus den Rumpelkammern verrostete Harnische und Schilde heraussuchte, eine vorurtheilslose Erziehung der Jugend verpönte und selbst in den gebildetsten Kreisen