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Im deutschen Reich · 1902-12-01 · Heft 12 (Dezember 1902) · p. 675

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
8 (1902)
Issue
Heft 12 (Dezember 1902)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1902-12-01
Page
675 (sequence 2)
Language
German
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Umschau. 675 anspruchsvollen Verbreiter einer ungesunden mittelalterlichen Nomantik diesen erfreulichen Umschwung früher oder später herbeiführen wird. 6s mußte erst schlimm werden und muß vielleicht noch schlimmer werden als seht, damit cs einst besser werden kann. Grundfalsch ist es, die judenfeindliche Strömung, die seit zwei Jahrzehnten eine halbe Million deutscher Staatsbürger bedrängt, als eine vereinzelte leidvolle Erscheinung zu beurtheilen; sie ist nicht mehr und nicht weniger als ein Bestandtheil der gesummten Kulturfrage. Die alten Kräfte, deren morscher Zustand bereits vor einem halben Jahrhundert offenbar wurde, sind seitdem mit Aufwand der größten Kunst aufgefrischt worden. Man kann es verstehen, daß sie nichts mehr fürchten als den Wettbewerb und die ungehemmte Entfaltung neuer Kräfte. Wenn sie sich gewaltsam dagegen stemmen, daß die bis jetzt nur auf dem Papier stehende Gleichberechtigung der Juden zu einer Wahrheit werde, wenn sie mit Hilfe des „Sozialismus der dummen Kerle" alle Werkzeuge der mittelalterlichen Marterkammer hervorhoten, um eine kleine Anzahl fähiger Mitbewerber zu schrecken und am Emporkommen zu hindern, so geschieht dies nicht bloß aus Judenhaß, sondern wesentlich zu dem Zweck, mit dem einen Kulturfortschritt auch andere Fortschritte zu hemmen, nicht nur die Juden in der Sklaverei zu halten sondern alle andern Staatsbürger, soweit sie nicht den privilegierten Ständen angehören. Die Vorrechte ihrer Kaste gehen ihnen über die damit unvereinbare Wohlfahrt des Staates, dessen Leiter sie beständig mit der Behauptung zu täuschen versuchen, daß sie allein imstande seien, den Umsturz aufzuhalten, daß nur sie fähig seien, Thron und Altar zu stützen. Ein Fürst, der öffentlich für die Freiheit der Wissenschaft und der religiösen Ueberzeugung eintritt, kann aber keine aufrichtige Ergebenheit von Leuten erwarten, deren Losung ist: „Die Wissenschaft muß umkehren", oder „Autorität, nicht Majorität". Von antisemitischer und agrarischer Seite sind weite bäuerliche Kreise durch eine rücksichtslose Jnteressenpolitik solange gegen die Staatsleitung aufgcreizt worden, daß die Aufwiegler zuweilen selbst über die Wirkung ihres Treibens erschrecken, wenn dort, wo man sich dies ungestraft gestatten zu können glaubt, die Loyalitäts-Larve gelüstet wird. Dann zeigt es sich, wie die „Stützen" beschaffen sind, welche die „alten Kräfte" zu erhalten behaupten. Auf der Versammlung des Bayerischen Bauernbundes für Franken und Schwaben, die am 8. November in Würzburg abgehalten wurde, wagte der Vorsitzende, der bekannte antisemitische Redakteur Anton Memminger, unter dem Jubel der meisten Anwesenden öffentlich zu behaupten, die

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