Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1902)
- Article
- Erinnerungen an Heinrich Rickert
- Date
- 1902-12-01
- Page
- 672 (sequence 3)
- Language
- German
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f>72 3tn deutschen Reich. erklärt sich auch ein anderer Umstand, der für Rickerts Streben charakteristisch ist und der ihn in einen gewissen Gegensatz zu den Bestrebungen des Centralvereins brachte. Es widerstrebte ihm der Gedanke, daß die Abwehrsache zu einer besonderen Sache der Juden gemacht werde. Seine große ideale Auffassung wollte immer und immer wieder betonen, daß es sich hier um höhere Gesichtspunkte handele, als bloß um die Sache eines bestimmt beschränkten Kreises, daß vielmehr die höchsten Fragen der Gerechtigkeit und der Vaterlandsliebe hierbei auf dem Spiel ständen. So erklärt sich auch die Stellung, die Rickert gegen den Plan eines sogenannten „Judentages" einnahm. Er wollte durchaus nicht verwehren, und er hat dies wiederholt betont, daß die Juden selbst für die gute Sache kämpften, aber er wünschte, daß dies nur in Gemeinschaft mit den christlichen Bürgern des Staates geschehe. Wir wollen hier nicht darüber rechten, wie weit diese Ansicht Rickerts taktisch richtig war; aber auch diejenigen Juden, die auf einem entgegengesetzten Standpunkt stehen, werden die reinen und großen Absichten Rickerts in dieser Beziehung zu würdigen wissen. Gänzlich falsch, wie gesagt, würde man den Dahingeschiedenen beurtheilen, wenn man annähme, er wollte die Juden bei der Abwehrbewegung zur Passivität verurtheilen. Die Ansicht, die man oftmals von Glaubensgenossen äußern hört, die Juden müßten sich zurückhalten und den Kampf den Christen überlassen, war ihm durchaus fremd. Im Gegentheil! Er empfand es bitter, wie wenig Kampfesmuth, wie wenig Selbstbewußtsein und Aufopferungsfähigkeit bei einem Theil der jüdischen Staatsbürger zu erkennen war. Es befindet sich in meinen Händen ein Brief Rickerts, welchen er im Jahre 1893 aus diesem bitteren Gefühl der Enttäuschung heraus an mich geschrieben hat und der mir ein theures Vermächtnis des Verstorbenen bleiben wird. Auch meinen Glaubensgenossen will ich denselben als ein Vermächtnis des Dahingeschiedenen mittheilen, als einen Mahnruf an diejenigen, welche im Kampfe erlahmen: „Ich habe mein Urtheil über die Opfer- Willigkeit Ihrer Glaubensgenossen" heißt es daselbst, „leider in mehreren Punkten berichtigen müssen. Ich kann Ihnen Thatjachen mittheilen, die mich vollständig niedergedrückt haben. Wenn Millionäre es über sich gewinnen, sich mit Minimalbeiträgen in dieser Existenz- und Lebensfrage abzukaufen, dann vergeh: einem allerdings die Luft und der Muth. Namentlich Berlin und der Norden glänzt durch feinen Jndifferentismus.Wir haben jetzt einen einzigen Redner, der z. Z. in Liegnitz arbeitet. Der antisemitische Bauernbund, der von den Junkern geleitete, hat allein 20. ständige Wanderredner und giebt