Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1902)
- Article
- Erinnerungen an Heinrich Rickert
- Date
- 1902-12-01
- Page
- 671 (sequence 2)
- Language
- German
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Erinnerungen an Heinrich RickerL. 671 Nothweudigkeit einer systematischen Abwehr und den Plan einer solchen dar und überzeugte Jeden, der noch unentschlossen war. Rickert's Thätigkeit bei Leitung des damals begründeten Vereins zur Abwehr des Antisemitismus war nur ein geringer Bruchtheil seiner Thätigkeit, wenn wir uns vergegenwärtigen, auf wieviel anderen Gebieten er seine unermüdliche Arbeitskraft entfaltet hat. Aber schwerlich giebt eine andere Thätigkeit ein so getreues Charakterbild dieses Mannes, als gerade sein Wirken auf diesem Gebiete. Liebe zu allen Nebenmenschen und ein tiefer Widerwille gegen jede Ungerechtigkeit war das bewegende Element in dem Charakter Rickerts, und aus diesem Gefühl heraus entstand die warme Hingebung, die er der Abwehrsache entgegentrug. Sehr wenig bezeichnend für diese Hingebung würde der Ausdruck „Philosemitismus" sein. Wer Rickert kannte, der wußte, wie wenig Sinn für ihn die Worte „Confcssionalität" und „Rasse" hatten. Der „Semit" und der „Jude" als solche waren ihm dabei völlig gleichgültig; ja mehr als das, es war ihm widerwärtig, wenn dieser Gesichtspunkt bei der Angelegenheit in den Vordergrund trat. Er sah in dem Juden nur den „Menschen" „den Bürger des Staates", dem man in mittelalterlicher Beschränktheit oder in wohlberechnetem Eigennutz seine Rechte verkürzte, und hiergegen empörte sich sein Gerechtigkeitsgefühl. Aber Eins kam noch hinzu, was Rickert's Thätigkeit so werthvoll machte, ein Umstand, der lehrreich sein wird für den Geschichtsschreiber, welcher einst jene traurige Bewegung der Nachwelt berichten wird. Rickert war deutsch-national vom Kopf bis zur Zehe. Die Größe und Stärke des neu geeinten Reiches, die Pstege deutscher Kultur war das Ideal seines Lebens und Wirkens. Er aber gab ein Beispiel davon, daß mit dem Nationalismus keineswegs nothwendig der Antisemitismus Hand in Hand gehe. Gerade im Gegentheil! Er empfand es als eine tiefe Schmach für das Deutfchthum, daß in dem neu erstandenen Reich jene Bewegung wieder Boden ge« faßt hatte, welche er längst überwunden geglaubt, er hielt es gerade als guter Deutscher für seine Pflicht, sein Vaterland von diesem Flecken zu reinigen. Sein Nationalismus war nicht jenes engherzige Gefühl, welches beschränkend wirkt und Andere von der Mitarbeit ausschließt, sondern jenes belebende und erwärmende Feuer, welches alle beseelen will, an der Größe und dem Glück des Vaterlandes mitzubauen. So sah Rickert in der Abwehr des Antisemitismus eine Frage des reinen Menscheuthums und der Gerechtigkeit einerseits und zugleich eine Pflicht des nationalen Deutschthums, und aus dieser Anschauung