Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 8 (1902)
- Issue
- Heft 11 (November 1902)
- Article
- A. S., Berlin
- Date
- 1902-11-01
- Page
- 652 (sequence 2)
- Language
- German
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65*2 Im Deutschen Reich. liche Kraft der Frau Bernhardt, und ein rauschender dreimaliger Hervorruf erfolgte nach den Aktschlüssen. Nach dem dritten Akt ergaben sich für Frau Bernhardt Ovationen stürmischer Art und eine nochmalige Steigerung der Hervorrufe. Sie waren auch wohlverdient. Das Spiel der Künstlerin, ergreifend und zu verblüffender Großartigkeit sich steigernd, die Energie, mit welcher sie die schon etwas störrig und halsstarrig gewordene Vollkraft des Tones dennoch zum künstlerischen Gehorsam zwingt, und der seelische Sturm, der die angstgepreßten Worte und Naturlaute über die Lippen hinaustreibt, während der Körper bebt und die Augen flammen, — alles das hinterläßt den Eindruck einer außergewöhnlichen künstlerischen Persönlichkeit. Ihre künstlerische Persönlichkeit allein concentriert alles Interesse, während alles andere zurücktritt. Das Drama Sardou's versagt vor der feineren Empfindung und kann eben nur auf Indemnität rechnen, wenn eine Darstellerin wie Sarah Bernhardt mit ihrem persönlichen Talent dafür eiutritt." - Während so der Theaterkritikcr des Antisemitenblattes der Künstlerin den verdienten Zoll der Anerkennung nicht versagt, lästert der politische Redakteur weiter und reizt seine Parteigenossen zu Kundgebungen gegen den hochbegabten Gast aus. Im Abendblatt schließt er am oO. Oktober einen »der göttlichen Sarah" gewidmeten, von Verunglimpfungen strotzenden Artikel mit den Worten: »Wir bemerkten bereits gestern, daß alte Ercellenzen es nicht verschmähten, bei der Sarah Bernhardt zu antichambrieren, um sie für eine Wohlthätigkeits- Dorstellung zu gewinnen. Die Bemühungen haben Erfolg gehabt; wie wir hören, will Sarah Bernhardt am 6. November von .Hamburg nochmals nach Berlin zurückkehren, um eine Wohlthätigkeits-Vorstellung zu veranstalten, deren Ertrag zur Hälfte für deutsche und zur Hälfte für französische Wohlthätigkeitsanstalten bestimmt ist. Madame Bernhardt will zu dieser Vorstellung ein Stück von Sudermann, wahrscheinlich die »Heimath", wählen. Bei diesem Stücke hat sie vielleicht Gelegenheit, die Gefühle für ihre alte und neue »Heimath", sowie für Frankfurt a/O., die dortige Rosengaffe und den »Brasilianischen Affen" zu offenbaren." — Für die vereinzelten Affen, die sich durch solche Tiraden dazu verleiten ließen, eine geistig hochstehende Frau auf der Straße auszupfeifen, kann dieselbe kaum ein anderes Gefühl haben, als das, für welches weder die deutsche noch die ftanzösische Sprache einen parlamentarisch zulässigen Ausdruck besitzt! Uebrigens hat die Redaktion eines Berliner Blattes aus den Geburtsurkunden in Frankfurt a. O. ermittelt, "daß dort Sarah Bernhardt das